Das Missverständnis
Kürzlich wurde im Krsna.de Forum geschrieben:
.... Konfessionen haben mit Liebe zu Gott nichts gemeinsam. In der Bhagavad Gita sagt Gott "höchst persönlich", dass ein Gottgeweihter alle Arten von Religionen hinter sich lassen sollte und sich ausschließlich für reine Liebe zu Gott interessieren sollte....
Stellungnahme:
Hier finden wir eine oberflächliche Interpretation, abgeleitet aus einer falsch verstandenen Übersetzung des Bhagavad-Gita-Verses 18.66.
Der Vers (18.66) sagt nicht, man solle Religion (im Sinne einer Institution) aufgeben, sondern Dharma, die förmliche Erfüllung meist ritueller religiöser Pflichten.
Konkret sagt Krishna sarva-dharman parityajya. Es geht also nicht um Religion im Sinne des Vorganges (re ligare = sich wieder verbinden entsprechend dem Begriff "Yoga"), und erst recht spricht Krishna nicht von ausservedischen Institutionen oder Religionen.
Dharma ist ein Begriff, der auf dem Veda basiert (siehe Begriffserklärung auf der Vishnupedia).
Selbstverständlich kann das Prinzip von Dharma auch auf andere religiöse Systeme übertragen werden. Doch Krishna selbst bezieht sich hier auf das Dharma, wie es im Veda beschrieben ist und über das er auch in den früheren Kapiteln der Bhagavad-Gita spricht.
Wenn wir den Kontext der Gita betrachten, stellen wir sogar fest, dass Krishna sehr viel Gewicht auf das Dharma legt:
"Um die Heiligen (Sadhus) zu erretten und die Übeltäter zu vernichten und zur Wiederherstellung des Dharma, erscheine ich Zeitalter nach Zeitalter." (Bg 4.8 )
Dieser Vers ist nur ein Beispiel, der aufzeigt, welche Bedeutung Krishna dem Dharma beimisst.
Dharma ist also ganz offensichtlich nicht etwas Negatives, sondern dient der geistigen Entwicklung des Menschen, worauf der höchste Herr selbst achtet.
Aber warum fordert Krishna uns am Ende der Gita dazu auf, das Dharma aufzugeben?
Hierzu muss der Kontext, in dem sich der Vers 18.66 befindet, etwas näher betrachtet werden.
Im Vers 18.64 sagt Krishna zu Arjuna:
"Weil du mein lieber Freund bist, gebe ich dir die höchste Unterweisung..."
Der Empfänger der Unterweisung (in diesem Fall Arjuna) steht bereits in einer Beziehung als Freund zu Krishna. Diese Beziehung ist gewissermassen Voraussetzung dafür, die restliche Unterweisung, eben die höchste Unterweisung, verstehen zu können.
Es folgt wieder eine Unterweisung, der wir bereits früher schon begegnet sind (im Vers 9.34):
"Denke immer an mich, sei mein Geweihter, verehre mich und bringe mir deine Ehrerbietungen dar. Auf diese Weise wirst du mit Sicherheit zu mir kommen..." (18.65)
Jeder Geweihte Krishnas weiss, wie schwierig es ist, immer und ohne Unterlass an Krishna zu denken.
Aber genau in diesem Kontext sagt Krishna:
"Gib alles Dharma auf und ergib dich einzig und allein mir." Das ist der erste Teil von diesem Vers 18.66, der die Voraussetzung aufzeigt, unter der es erst einen (höheren) Sinn macht, das Dharma aufzugeben. Der Rest des Verses bezieht sich also auf jemanden, der sich tatsächlich voll und ganz Krishna ergibt:
"Ich (Krishna) werde dich von allen sündhaften Reaktionen befreien. Sorge dich nicht."
Warum sind sündhafte Reaktionen möglich?
Weil jemand, der das Dharma aufgibt, ohne bei Krishna (Gott) seine volle Zuflucht zu nehmen, immer an ihn denkt, ihm seine Verehrung gibt und sein Selbst (Atman) ihm hingibt, mit Sicherheit in sündhafte Reaktionen verstrickt wird, da er ohne diese vollständige Hingabe (Bhakti), gar keine andere Alternative hat, als sich seinen sinnlichen und intellektuellen Interessen hinzugeben, die dann nicht mehr durch die Anleitungen des Dharma reguliert sind. Mit "sündhaft" sind hier alle verstrickenden Tätigkeiten gemeint, die gegen das Selbstinteresse des verkörperten Atman gerichtet sind, der sein Hüllen-Bewusstsein reinigen und sich mit Hilfe des Dharma zum Göttlichen hin bewegen möchte.
Sri Krishna nimmt seinem Geweihten Arjuna die Sorge ab, er könne wegen seiner ausschliesslichen Hingabe zu ihm, und der damit verbundenen Unaufmerksamkeit gegenüber dem Dharma, Reaktionen erleiden.
Denn der Sinn und Zweck des aufmerksamen Befolgens des Dharma liegt eben gerade darin, den verkörperten Atman an die Türe liebender Hingabe zu Krishna zu führen. Das Dharma ohne diese liebende Hingabe aufzugeben, wird nirgendwo im Veda empfohlen.
In diesem gesamten philosophischen Kontext sollte dieser Vers 18.66 gesehen werden. Eine isolierte, aus dem Zusammenhang gerissene Betrachtung, wird zwangsläufig zu Missverständnissen führen. Ganz besonders dann, wenn man den Begriff Dharma mit religiösen Institutionen (wie die katholische Kirche und anderen) gleichsetzt.
