Während einer Diskussion bezüglich der "richtigen" Übersetzung des 9. Mantras der Isha-Upanishad sind mir einige Gedanken durch den Kopf gegangen. Eine Frage, bei der sich die Geister immer wieder scheiden, ist der Anspruch auf das Richtige. In der persönlichen Anwendung wird daraus oft das „einzig“ Richtige. 180 Grad dem entgegengesetzt, ist die Beliebigkeit: „Ja, soll doch jeder einmal so übersetzen, wie es ihn dünkt.“
Ich bin persönlich überzeugt, dass beide Standpunkte den Sanskrittexten nicht gerecht werden. Sanskritsprache und vedische Philosophie sind unter anderem aufgebaut auf Logik. Nicht umsonst spricht A. C. Bhaktivedanta Swami oft von der „Wissenschaft“ (Wissenschaft des Selbst oder der vedischen Wissenschaft usw.) Denn zur Theorie gehört eine klar definierte Praxis, die durch Praktizieren, empirische Erfahrung und Beobachtung in Ergebnissen bestätigt werden muss. Spätestens hier disqualifiziert sich die Beliebigkeit. Gleichzeitig beinhaltet eine „Wahrheit“ oder „Richtigkeit“ viele Aspekte, die aufgezeigt werden können.
Und das spiegelt sich meiner Meinung nach auch in den unterschiedlichen Übersetzungen dieses Mantras. Ich empfinde dies als Bereicherung. Wobei ich einräumen muss, dass dieses Gefühl der Bereicherung sich letztlich nur daraus entwickeln konnte, dass zuerst ein Grundlagenwissen in mir gefestigt wurde, wie es beispielsweise in den umfangreichen Erklärungen A. C. Bhaktivedanta Swamis zu finden ist. Er hat dabei nicht „nur“ Grundlagenwissen vermittelt, sondern tatsächlich das ganze Spektrum des Bhakti-Yogas berührt.
Mit der Übersetzung und Auszügen aus den Kommentaren der Isha-Upanishad von A. C. Bhaktivedanta Swami beginne ich denn auch:
Mantra 9: Jene, die in Unkenntnis gründende Tätigkeiten verehren, werden in die finstersten Bereiche der Unwissenheit eingehen. Schlimmer noch sind solche, die sich mit der Kultivierung sogenannten Wissens befassen.
Kommentar: In diesem mantra findet man eine vergleichende Studie der vidya und der avidya. Avidya oder Unwissenheit ist zweifellos gefährlich, doch vidya oder Wissen ist noch gefährlicher, wenn es auf einem Irrtum beruht oder in die falsche Richtung geht. Dieser Mantra der Sri Ishopanishad ist heute zutreffender als je zuvor.
Leider kann ich hier nur einen Bruchteil von den ausführlichen und auf verschiedene Aspekte hinweisenden Erklärungen wiedergeben, die sich auch noch auf die nachfolgenden Mantren erstrecken. Einen kurzen Text möchte ich aber doch anfügen:
Um spirituelles Wissen zu entwickeln, muss man die Hilfe des Körpers und des Geistes in Anspruch nehmen, und daher ist die Erhaltung des Körpers und des Geistes nötig, wenn man das Ziel erreichen will. Wir sollten bemüht sein, die normale Temperatur von 37 Grad C beizubehalten; sie sollte nicht aus Torheit auf 41 Grad C erhöht werden. Die grossen Weisen und Heiligen Indiens versuchten dies durch ein ausgeglichenes System spirituellen und materiellen Wissens.
Die nächste Übersetzung/Erklärung stammt von Walther Eidlitz (1892 – 1976) aus „Der Sinn des Lebens „
Es ist also notwendig, einen Yogaweg zu gehen um wieder zu sich selbst zu kommen. Das Wort Yoga bedeutet Verbindung, aber nicht etwa Verbindung des sterblichen Menschen mit dem Ewigen, sondern die Verbindung des individuellen Atma, des Tropfens Ewigkeit in einer vergänglichen Menschenhülle, mit einem der Aspekte der Fülle der Ewigkeit.
Aber der Weg ist schwer; er wird in den Upanishaden dem Wandeln auf der Schneide eines Rasiermessers verglichen. Das kommt zum Ausdruck in geheimnisvollen Strophen in der Isha-Upanishad, jener Upanishad, mit welcher gemäß uralter Tradition der Guru seine Unterweisung in die Geheimlehre der Upanishaden zu beginnen pflegt. Das Wort Isha, mit dem die Upanishad anhebt und das ihr den Namen gab, bedeutet: der allmächtige Gott, dessen Herrlichkeit auf nichts außer Ihm Selbst beruht, der in Seiner eigenen Größe gründet: also Gott-Upanishad. Die Strophen handeln vom Unwissen (avidya), d. h. dem bloßen Wissen von der Welt, und vom Wissen (vidya), d. h. dem Wissen von der Ewigkeit:
Mantra 9: In blindmachende Finsternis stürzen jene,
die der Unwissenheit
(dem blossen Wissen von der Welt) anhangen,
doch in noch tiefere Finsternis
gleichsam stürzen die,
die sich nur dem Wissen des Ewigen hingeben.
Auch Bhaktivinoda Thakura (1838 – 1914) ging in seinem Jaiva Dharma mit einer Erklärung auf den Mantra ein (übersetzt von Bhaktivedanta Narayana Maharaja), die stark die Bhakti-Philosophie ausdrückt:
Mantra 9: Jene, die in der Unwissenheit verankert sind, gehen in tiefe Dunkelheit ein, und jene, die sich in Wissen befinden, gehen in noch tiefere Dunkelheit ein.
Erklärung: Dieser Mantra bedeutet, dass jene, welche die Unwissenheit umarmen und die spirituelle Natur der Seele nicht kennen, in die tiefsten Regionen der Unwissenheit eingehen. Jedoch ist die Bestimmung jener noch schlimmer, welche die Unwissenheit zurückweisen, aber glauben, dass die Jiva brahman und nicht ein spiritueller Funke sei.
In der Übersetzung von Shri Madhvacharya komm noch einmal ein anderer Aspekt zum Ausdruck: Die Verantwortlichkeit des Wissenden, wie er mit diesem Wissen umgeht.
Shri Madhvacharya (1238 – 1317; mit seiner Schülernachfolge sind auch die Gaudiya Vaishnavas verbunden)
Mantra 9: Jene, die mit falschem Verständnis verehren (Vishnu oder andere), gehen in dichte, unerbittliche Dunkelheit ein. In noch grössere Dunkelheit als jene, gehen die, die nur dem richtigen Verständnis hingegeben sind (sich jedoch nicht darum kümmern, das falsche Verständnis zu korrigieren).
Dass Madhvacharya diese Verantwortlichkeit des Wissens betont, kommt nicht von ungefähr. Madhvacharya stellte die Dvaita-Philosophie, seine ausschliessliche Gewichtung auf die transzendente Dualität des Höchsten, der Einheitslehre Shankaracharyas entgegen, die zu dieser Zeit alles dominierte. Dies gab später Chaitanya Mahaprabhu den Raum aufzuzeigen, dass die höchste Transzendenz sowohl Einheit als auch transzendente Vielfalt beinhaltet (qualitative Einheit sowie quantitative und individuelle Verschiedenheit).
Die vorhergehenden Übersetzungen sind alle mit der Bhakti-Strömung verbunden. Nun noch einige Übersetzung aus anderen philosophischen Lehren:
Auszug aus Sri Aurobindos Notizbuch, Philosophie, ca. 1911 zum zweiten Teil des Mantras:
Sowohl der Logiker als auch der Philosoph neigen dazu zu vergessen, dass sie mit Wörtern umgehen. und Wörter, die von Erfahrung geschieden sind, können die schrecklichsten Irreführer in der Welt sein. Genau weil sie dazu fähig sind, uns sehr viel Licht zu geben, sind sie auch dazu fähig, uns in undurchdringliche Dunkelheit zu bringen. Tato bhuya iva te tamo ya u vidyayam ratah; "Tiefer ist die Dunkelheit, in die Jene eintreten, die dem Wissen allein anhängen." Diese Art von Wortverehrung und ihrer resultierende leuchtende Dunkelheit, ist in Indien sehr verbreitet und nirgends mehr als in den Intellektualitäten der Religion, so dass wenn ein Mensch mit mir über das Eine und Maya und das Absolute redet, ich dazu verleitet bin zu fragen: "Mein Freund, wieviel haben Sie von diesen Dingen erfahren, in denen Sie mich unterrichten, oder wieviel sagen Sie mir aus einem Vakuum heraus oder lediglich aus intellektueller Beurteilung? Wenn Sie lediglich Ideen und keine Erfahrung haben, sind Sie keine Autorität für mich und Ihre Logik klingt mir wie das Aneinanderstossen von Beckentellern, gut um einen Opponenten taub zu machen, aber von keinem Nutzen zum Wissen.“
Übersetzung Ekanath Easwaran (1910 – 1999): In blinde Welten treten jene ein, die nur Rituale ausführen, in noch dunklere Welten gehen jene, die Freude an der asketischen Meditation finden.
Vidyavachaspati V. Panoli (Übersetzer vieler upanishadischer Texte oft in Nähe des Advaita-Vedanta)
Jene, die avidya verehren (Karma, geboren aus Unwissenheit), gehen in pechschwarze Dunkelheit, doch in noch grössere Dunkelheit als diese, gehen jene, die sich dem vidya hingeben (Wissen über die Devatas).
Und zum Schluss noch eine "Annäherung" von jemandem, der sich vor allem auf die Übersetzungen konzentrierte (möglichst Wortgetreu).
Übersetzung Max Müller (Sanskritforscher, 1823 – 1900):
Alle, die verehren, was nicht wirkliches Wissen ist (gute Taten), treten in blinde Dunkelheit ein. Jene, die Freude am wahren Wissen haben, treten sozusagen in noch grössere Dunkelheit ein.
Als ich diese Übersetzung las, musste ich über den Einschub „sozusagen“ lachen. Das war für mich ein Zeichen der Ratlosigkeit des Sprachforschers, der sich offensichtlich aus dieser Übersetzung (obwohl Wort für Wort richtig übersetzt, mit Ausnahme des Einschubs) überhaupt keinen Reim machen konnte. Reine Wortübersetzungen können einem ganz schön im leeren Raum stehen lassen.
Nitai-Gaura Haribol
Sacimata
