Vers. 2.10 – 2.30
Die Argumente,
die Arjuna aus seinen Gewissensqualen heraus vorbringt, sind wohlbegründet
und wiegen schwer. Doch nun weist Krishna ihn darauf hin, dass jemand, der weise
handeln will, nicht nur die zeitweilige Ebene der Existenz betrachtet, sondern
auch den ewigen Urgrund, dessen Natur in allem Erscheinen und Dahinschwinden materiellen
Daseins unwandelbar und beständig bleibt. So sagt Krishna zu Arjuna: "Du
betrauerst, was nicht zu betrauern ist. Du sprichst Worte der Weisheit. Doch die
Weisen beklagen weder die Toten noch die Lebenden!"
Mit diesen Worten weist Krishna Arjuna darauf hin, dass der Weise auch die
Dinge in Betracht zieht, die über Trauer, Leben oder Sterben hinausgehen.
Trauer, Leben und Sterben sind alles Eigenschaften, die sich auf den Körper
beziehen. Davon unterscheidet er das Selbst, das den grob- und feinstofflichen
Hüllen erst Leben verleiht, den Körper belebt und ihn mit Bewusstsein
durchdringt.
Dieses Verständnis gehört zu den grundlegenden Einsichten der Sankhya-Yoga-Philosophie.
Ihr liegt eine systematische Betrachtung der empirischen Welt zugrunde, die
sehr detailliert und weitläufig ist. Vereinfacht kann gesagt werden, dass
darin ein dualistisches Weltbild vertreten wird, in der es zwei ewige Weltprinzipien
gibt: die Materie (prakriti) und das reine Bewusstsein (purusha).
Prakriti wird als
unbewusst Energie erkannt, die von der übergeordneten bewussten Energie
(purusha) abhängig ist. Diese beiden Energien bilden die Grundlage zur
Entstehung des Universums. Als Natur oder Grundeigenschaften sind der prakriti
die drei gunas eigen, die Erscheinungsweisen oder Wirkungskräfte
der materiellen Energie: Solange diese drei gunas im Gleichgewicht sind, d. h. unbewegt und
ohne Wechselwirkung, verbleibt die prakriti unmanifestiert und wird
in diesem Zustand pradhana genannt. Treten die drei Erscheinungsweisen
in eine Wechselwirkung, bilden sie entsprechend ihrem Mischungsverhältnis
die Strukturen der prakriti. In einer ersten Bewegung entstehen 24 Elemente
als stoffliche Grundbestandteile der Welt. Der Begriff Elemente bezieht
sich dabei nicht auf eine chemische Einteilung, sondern auf eine strukturelle: Als fünfundzwanzigstes Element beschreibt das philosophische System
des Sankhyas schliesslich die Zeit (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft).
Unter dem Einfluss dieses Zeitfaktors entwickelt sich die Schöpfung
aus den feinstofflichen Formen in die groben Formen, entsprechend ihrer zunehmenden
Verdichtung: Die systematische Analyse des Shankya ist Teil vieler verschiedener
philosophischen Strömung des Veda und bildet die theoretische
Grundlage unterschiedlicher Yoga-Systeme, die sich weiterentwickelt haben.
In den verschiedenen praktischen Übungen und Methoden wird oftmals versucht,
das verkörperte Lebewesen von einem Zustand des verdichteten Bewusstseins,
zu einem lichten Bewusstsein zu führen. Bis hin zu dem Punkt, da es erkennt,
dass der purusha (das reine Bewusstsein) von all den Dingen in der
Welt nicht berührt wird, da er sich jenseits des Zeitweiligen und Vergänglichen
befindet, das heisst, unberührt von gunas und stofflichen Grundelemente
der Welt verbleibt.
So beginnt auch Krishna Seine Unterweisungen mit dem Hinweis auf die beiden
Prinzipien, welche in dieser Welt in Wechselwirkung stehen:
Wenn Krishna deshalb
hier lehrt, dass der atma nicht getötet werden kann und unvergänglich
ist, lässt sich daraus selbstverständlich nicht die Berechtigung
ableiten, den Körper anderer Lebewesen vernichten zu dürfen. Ebenso
ist das Wissen darum, dass jemandem, der geboren wurde, der Tod gewiss ist,
keine Aufforderung zum Krieg. Es ist lediglich die Erkenntnis der Charakteristika
von materieller und spiritueller Natur. Wenn Freud und Leid mit dem Kommen
und Gehen der Jahreszeiten verglichen werden, bedeutet dies nicht, dass jemand
der Verantwortlichkeit seines Tuns und den Auswirkungen, die es auf andere
hat, enthoben würde. Vielmehr ist es eine Erkenntnis, die hier vermittelt
wird, nämlich das Freud und Leid, das Ergebnis der Betätigung (karma)
der Lebewesen unter dem Einfluss der Wechselwirkungen der drei gunas sind.
Der Weise, der den atma verwirklicht hat, lässt sich davon nicht
beirren, ebenso wenig wie ein Schauspieler sich nicht mit seinen verschiedenen
Rollen und den dazugehörigen Erlebnissen identifiziert.
Diese Unterweisungen
über das Wesen der Seele (des spirituellen Selbst) und das Wesen des
Körpers sind deshalb nicht als Aufforderung zum Kampf misszuverstehen.
Vielmehr ist es die Aufforderung, die Dinge noch mit anderen Augen zu betrachten.
Eine Übertragung der Geschehnisse, wie sie als geschichtliche Erzählung
auf uns kommen, ist nicht ohne weiteres auf andere Personen oder andere Geschehnisse
und Konflikte übertragbar. Bhaktivinoda Thakura (1838 – 1914),
einer der vielbeachtetesten Bhakti Lehrer, kommt in seinem Tattva Sutra zum
Schluss, dass wenn der Weise Uddhava an Arjunas Stelle die Unterweisung Krishnas
vernommen hätte, er aufgestanden wäre und das Schlachtfeld verlassen
hätte.
Die Tatsache, dass sich
Arjuna letztlich zum Kampf entschloss, ist darauf zurückzuführen,
dass er durch die Erkenntnis der spirituellen und materiellen Natur der Welt
in der Lage war, seine dharma als ksatriya zu erkennen. In Arjunas
Bewusstsein drehte sich anfänglich alles um die Frage nach dem bevorstehenden
Kampf. Alle seine Argumente Für und Wider bewegten sich im Kreis. Die
Unterweisung der Bhagavad-gita will den Menschen, der sein ganzes Bewusstsein,
Denken und Entscheiden nur auf zeitweilige, vergängliche Dinge und Geschehnisse
ausrichtet, aus diesem Kreis heraus einen Schritt weiterführen.
Über das dharma
wurde bereits gesprochen: es ist das, was die Welt trägt, die Brücke
die das unvergängliche Lebewesen über den Abgrund der zeitweiligen
Welt sicher mit dem immer währenden Ursprung verbindet.
Was aber ist das dharma eines kshatriyas? Der Begriff kshatriya leitet sich
aus den Wurzeln kshat (Verletzung) und trayate (Schutz gewähren) ab.
Dem kshatriya obliegt es daher, den Schwächeren und Hilfesuchenden Schutz
vor Verletzung zu gewähren. Krishna führt Arjuna
vor Augen, dass dieser nicht wie ein Weiser aus der Verwirklichung seines
atman heraus, zum Schluss kommt, den Kampf zu vermeiden. Vielmehr sind
es Gefühle der Sympathie gegenüber seinen Freunden, Lehrern und
Verwandten, die Arjuna lähmen und ihn auch sein dharma vergessen
lassen. Er, dessen vorrangige Pflicht es ist, die Schwachen zu schützen
und sein Handeln nach Kriterien der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit auszurichten,
ist bereit, sich dieser Pflicht zu entziehen und in den Wald zu gehen, um
seine Verwandten und Freunde zu schützen. Die Wurzeln dieser Parteilichkeit
liegen nicht in der Verwirklichung des atma, sondern in der Identifizierung
mit der zeitweiligen Verbindung zu einem bestimmten Körper, und dem "Ich"
und "Mein" dieses Körpers.
Die eigentliche Feinde
des Menschen, die es zu überwinden gilt, sind nicht andere Menschen oder
Situationen. Es sind die eigene Gier, der Zorn, die Furcht, die Enttäuschung,
Anhaftung und Ablehnung in all ihren verschiedenen Spielarten. Sie verdunkeln
den Verstand und lassen das Lebewesen in Verwirrung zurück. Es ist die
Fackel des Wissens, welche diese Dunkelheit vertreiben und den Pfad des Lebewesens
erhellen kann.
Hier stellt sich die Frage, weshalb Krishna gerade diese Unterweisung als
Antwort auf Arjunas innere Zweifel gibt. Der Veda erklärt, ein kshatriya
(König, Krieger, Politiker) könne nur dann frei von Antipathie,
Sympathie, Neid, Gier, Zorn handeln, wenn er in völliger Erkenntnis des
atma (des spirituellen Selbst, die Wirklichkeit hinter dem Schein, die jedem
Lebewesen innewohnt) verankert sei.