Ekadasi

Fasten und Schmausen


In der vedischen Tradition nimmt das ekadasi-Fasten eine besondere Stellung ein. Zu diesem spezielle Fastentag am elften Tag nach Voll- oder Neumond finden sich in den Schriften des Veda und der unterschiedlichen Schülernachfolgen viele Unterweisungen und zum Teil sehr eindringliche Mahnungen für die Einhaltung. Im Brahmavaivarta Purana wird gesagt, ekadasi vernichte alle Sünden, schenke unbegrenzte Frömmigkeit und bewirke Erinnerung an Sri Govinda. Und das Skanda Purana warnt vor den nachteiligen Auswirkungen, die auftreten können, wenn man es ablehnt, das ekadasi-Gelübde einzuhalten.

Auch in der Lila Sri Chaitanya Mahaprabhus (des goldenen oder versteckten Avatars) ranken sich viele Erzählungen um das Fasten an ekadasi.

Bei einer besonderen Gelegenheit lässt Mahaprabhu sein verborgenes Wesen als Sri Krishna aufleuchten, als er an einem ekadasi-Tag Speisen seiner beiden Geweihten Jagadisa Pandita und Hiranya Mahasaya isst. Er ist da noch ein Knabe, der viel und schnell lernt und mit seinen Händen nach den Vögeln im Himmel, ja selbst nach dem Mond greift. Oft ist Er so unruhig, dass Ihn nur das Singen und Hören der Heiligen Namen (Mantra-Meditation) beruhigen können. Es kommt jedoch der Tag - ein ekadashi-Tag - an dem Ihn selbst dieser heilige Klang nicht mehr zu beruhigen vermag. Er verlangt nach dem, was Ihm allein zusteht, nach der von den Bhaktas bereiteten Opferspeise, und Hiranya und Jagadisa Pandita geben sie ihm voller Freude, während sie selbst fasten.

Ein anderes Mal lehrt Sri Caitanya seine Nachfolger am Beispiel der eigenen Mutter, den ekadasi (harivasar) strikte zu beachten. Als er in Nadiya lebt, gehört es zur sozial-religiösen Gewohnheit, dass nur von den verwitweten Frauen verlangt wird, den ekadasi zu befolgen, während es den verheirateten Frauen freigestellt ist. Zu einem bestimmten Zeitpunkt bittet Mahaprabhu seine Mutter achtungsvoll um eine Wohltätigkeit (mata, more deha eka dana) und als sie antwortete, sie würde ihm alles geben, worum auch immer er bitte, sagt er: Iss an ekadasi kein Getreide (ekadasete anna na khaibe)! Sie stimmt breitwillig zu und von diesem Tage an, befolgt sie den ekadasi strikte.

Mahaprabhu nimmt in seiner lila die Rolle eines Gottgeweihten ein und die Anweisung an ekadasi zu fasten, gilt besonders für Gottgeweihte. Es gibt jedoch keine Beschränkung hinsichtliche der Speisen, die Krishna geopfert werden. Dieses Prinzip verdeutlicht er in Puri, als sich seine Geweihten sorgen, weil sie sich in der Zwickmühle befinden, das berühmte Jagannatha-prasada (Essen, welches im Tempel von Sri Jagannath für Ihn gekocht und Ihm geopfert wurde) zu ehren oder das ekadasi-Fasten einzuhalten. Mahaprabhu erlöst sie aus ihrem Zwiespalt, indem er sie anweist, das prasada durch das Darbringen von pranam (Gebeten) zum heiligen Opfer zu ehren und erst am Tag nach ekadasi davon zu essen.

Einerseits macht nun der Glaube an die Offenbarungen in der Vaishnava-Tradition das Einhalten der Vorschriften aus den heiligen Schriften erforderlich. Als zweite Regel gilt jedoch genauso die eindringliche Warnung davor, Vorschriften nur um der Erfüllung Willen und ohne eigentliche Einsicht und inneres Einverständnis einzuhalten. Solches Tun kann sich mit der Zeit gegenteilig auswirken. Srila Rupa Goswami (1489 - 1564) einer der sechs Goswamis von Vrindavana und vertrautesten Schüler Sri Chaitanya Mahaprabhus nennt solches blindes Befolgen niyamagraha und führt es unter den Praktiken auf, welche die bhakti zerstören. Vorschriften und Regeln, deren Einhaltung beim Einzelnen keine positive Wirkung zeigen, haben ihren ursprünglichen Zweck verfehlt und sollten daher zurückgewiesen werden. Es erweist sich daher einmal mehr als notwendiger Vorgang auf dem Weg der Entwicklung Fragen zu stellen und Zweifel zu formulieren, um ihnen auf den Grund gehen zu können und zu einem tieferen Verständnis zu gelangen.

Worin liegt nun die besondere Bedeutung dieses Tages für den Vaishnava? Ekadasi ist auch als Harivasar bekannt: der Tag Gottes. Der Vaishnava legt dabei die Aufmerksamkeit nicht in erster Linie auf den Aspekt des Fastens, sondern auf die Meditation und Verteifung in die Namen, die lila (Spiele) und das Wesen des Allanziehenden (Krishna) Ursprungs.

Im Bhakti-Rasamrita-Sindhu (Nektar der Hingabe) bezieht sich Srila Rupa Gosvami unter Punkt 9 der hingebungsvollen Prinzipien auf die eingangs erwähnte Unterweisung im Brahmavaivarta Purana. Es findet sich dabei auch der Hinweis, dass nicht das Fasten an sich, den Ekadashi-Tag für den Bhakta bedeutungsvoll mache, sondern die Absicht, seinen Glauben an Sri Govinda zu vertiefen und die Liebe zu Ihm anwachsen zu lassen. Mit diesem Wunsch werden die Bedürfnisse des Körpers an diesem Tag auf ein Minimum reduziert, um so möglichst viel Zeit für das Studium und die Meditation über Sri Govinda verwenden zu können.

Rupa Goswami hat das Einhalten des ekadasi als einer der 64 Glieder des vaidhi sadhana bhakti (regulierten hingebungsvollen Dienstes) aufgelistet, das den Schüler in der Vertiefung und Entwicklung seiner Mediation unterstützen soll. Aber auch diejenigen, die raganuga bhakti (spontanen hingebungsvollen Dienst) verinnerlicht haben oder zumindest danach streben, wird das Ekadasi-Fasten empfohlen. Für diese Geweihten stellt ekadasi vrata eine wichtige Unterstützung in der Pflege ihrer bestimmten bhava (bestimmte Gemütsstimmung, in der der Geweihte zu Gott steht) dar. So befolgen in der Gaudiya-Sampradaya sowohl sadhakas (Neulinge) als auch siddhas (die in Selbsterkenntnis Verwirklichten) das Ekadasi-Gelübde, obgleich sie ein unterschiedliches Verständnis seiner Bedeutung haben.

Am elften Tag nach Voll- oder Neumond findet der ekadasi monatlich zwei Mal statt. Es wird gesagt, der Mond wirke sich an diesen zwei Tagen speziell aus. Ähnlich wie er die Gezeiten (Ebbe und Flut) beeinflusse, verursache er an diesen Tagen auch die Gezeiten der Flüssigkeiten in unseren Körpern, lasse sie ansteigen und auf unsere Sinne Druck ausüben. Daher befolgen sadhakas das Fasten an ekadasi um es zu vermeiden, dem Ruf der Sinne zu unterliegen. Es ist eine Form der Entsagung (tapasya), um sich besser auf Gott ausrichten zu können. Im Indien der vergangenen Tagen fasteten sie von jedwelcher festen und flüssigen Nahrung, während es in der heutigen Zeit vor allem in den westliche Ländern zur Praxis geworden ist, nur von Getreide und Hülsenfrüchten zu fasten, welche im besonderen die Stärkung der Sinne beeinflussen. Für sadhakas bedeutet ekadasi fasten und die Zeit nicht mit essen zu verbringen, sondern mit hören von und singen über Sri Krishna Govinda.

Für siddhas, die in der aprakrita Auffassung des Absoluten vertieft sind, ist ekadasi kein Fasten, sondern ein Tag des Schmauses. Aprakrita bezieht sich auf die Vorstellung von Gott als Krishna, dessen Göttlichkeit durch die Macht der Liebe überwältigt wird. Sie denken an Krishna als ihren Freund, Geliebten oder Sohn und nicht als den Höchsten Herrn. In solcher Weise in ihre raganuga bhakti vertieft, denken diese Geweihten, aufgrund des stellaren Einflusses an ekadasi müsse auch die Flüssigkeit in Krishnas Körper ansteigen und Ihn mehr zum Genuss hinneigen lassen. An allen anderen Tagen dienen sie Ihm bereits unbegrenzt und Er geniesst bereits unbegrenzt, aber ekadasi erlaubt ihnen, noch über diese Grenze des Unbegrenzten hinauszugehen und noch mehr zu dienen. Denn in ihrem Denken ist Krishna Govinda durch den Einfluss des Mondes an diesem Tag noch mehr dem Geniessen zugeneigt und nimmt daher noch mehr von ihrem Dienst an. Da sie wissen, dass er dann ganz speziell gerne isst, bereiten sie ein Festessen für ihn und leben in ihren Herzen die aprakrita Auffassung des Absoluten. Obschon Krishnas Essen von Getreide an ekadasi Ihn entgegen der Anweisungen der Schriften handeln lässt, können seine Geweihten seinen Wünschen nicht widerstehen, selbst wenn diese Wünsche ihn veranlassen, die religiösen Prinzipien zu brechen.

Lieber einen zufriedengestellten Krishna als einen religiösen. Denn letztlich liegt die Vollkommenheit der Religion in der Freude von Sri Hari – samsiddhir hari tosanam.