Vyasapuja - Guru Purnima

Einmal im Jahr wird in Indien Guru Purnima gefeiert. Guru-Purnima gilt als Erscheinungstag Srila Vyasadevas, doch wird an diesem Tag nicht bloss das Erscheinen einer grossen Persönlichkeit aus der Vergangenheit gefeiert, sondern es ist das grosse Fest des Weltenguru. Der Begriff Vyasa oder Veda-Vyasa bezieht sich auf ein Amt und nicht auf eine bestimmte Person.

Die heiligen Schriften berichten, wie einmal in jedem Dvapara-Yuga (also 1000 Mal im Laufe einer Weltschöpfung bis zur Weltauflösung, d.h. ca. alle 4'320'000 Jahre) ein Avatar in der Welt erscheint, um als Vyasa den Menschen die vedische Offenbarung nahezubringen. Es ist eine ewige Wiederkehr des Gleichen, das sich jedoch in mannigfaltiger Abwandlung offenbart. Vyasadeva gilt als der Lila-Avatar, der die Veda-Ordnung verkündet. Alle Avatare gehen letztlich von Krishna aus, dem Avatarin – dem Urquell aller Avatare. So erscheint Er manchmal selbst als Avatar, der das heilige Amt ausübt, das ewige Wort des Veda zu überbringen oder er lässt Seine göttliche Kraft in einem Heiligen offenbar werden, der in dieser Weise ermächtigt ist, das ewige Wort in der Welt auszugiessen. Doch in jedem Fall ist die Absicht dieselbe: den Lebewesen Hilfestellung zu geben, damit sie aus ihrem leidvollen Zustand der Trennung vom Göttlichen wieder in eine bewusste Verbindung mit dem Göttlichen treten können.

Ursprünglich gab es nur einen Veda, der in der mündlichen Überlieferung vom Lehrer zum Schüler weitergereicht wurde. Die Menschen verfügten über eine solch hervorragende Intelligenz und ein solch gutes Erinnerungsvermögen, dass sie das Gehörte sofort richtig aufnehmen konnten, ohne es je wieder zu vergessen. So bestand keine Notwendigkeit, zu einer schriftlichen Fixierung des Veda, da es niemanden gab, der ihn hätte nachlesen müssen. Doch der Einfluss der Zeit lässt alle materielle Qualität schwinden.

Hier setzt das Lila des Vyasadeva ein. Er, der grosse Weise und göttliche Heilsbringer, kannte Vergangenheit und Zukunft der verschiedenen Zeitalter und so sah er auch die Mängel voraus, die im zukünftigen Kali-Yuga - dem jetzigen Zeitalter des Streites und der Heuchelei - auftreten würden. Er sah, dass die Tugenden der Menschen schwinden würden, und sich als Wirkung daraus auch ihre Lebensspanne verkürzen und ihr Erinnerungsvermögen verringern würde. Dadurch ginge auch das Wissen über die Vorgänge und Opfer verloren, durch die der Mensch sein Tun läutern könnte.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, gliederte er den einen Veda in vier Teile auf: Rig-, Sama-, Atharva- und Yajur-Veda. Als Essenz dieser vier Veden gelten die Upanishaden, die vedischen Geheimlehren. Sie werden auch Vedanta (veda-anta), Ende des Veda, genannt. Doch noch immer fühlte Vyasadeva keine Zufriedenheit und er fasste die Weisheit der Upanishaden in der Form kurzer Merkworte in den Brahma-Sutras (vedanta-sutras) zusammen. Aus Geschichtschroniken wie dem Ramayana und dem Mahabharata sowie den Puranas bildete er den fünften Veda. Trotz dieser umfassenden Darlegung des Veda, in denen er den Menschen den Weg zur Erlangung der vier Menschenziele aufzeigte (dharma = Religion; artha = Reichtum, Ansehen; kama = Sinnenbefriedigung; moksa = Befreiung aus der Wandelwelt der Wiedergeburt), fühlte er sich in seinem Herzen immer noch unerfüllt. Er sann über den Grund seiner inneren Unzufriedenheit nach, als unversehens sein Guru, der Weise Narada, zu ihm trat. Vyasadeva bat seinen Gurudeva um Rat. In seinem Inneren fühlte er bereits, das die Ursache für die Leere in seinem Herzen darin zu finden war, dass er nicht näher auf den liebevollen Dienst zu Bhagavan eingegangen war. Doch er wollte dies von seinem Lehrer Narada Muni noch einmal bestärkt bekommen.

Narada unterwies ihn, dass er bis anhin zum Wohle der Menschheit sehr umfassend aufgezeigt habe, was der Mensch denken und tun solle, um in der Erfüllung seiner Wünsche erfolgreich zu sein und dass er ihn dadurch im Namen der Religion sogar noch ermutigt habe, sein materielles Dasein zu geniessen. Er machte Vyasadeva deutlich, dass dieser es bis anhin versäumt habe, den Ruhm Bhagavans in seinem innersten Wesen zu offenbaren. Denn eine Philosophie, welche nicht die transzendentalen Sinne Bhagavans erfreuen kann, wird als wertlos angesehen. Nur die lautere Bhakti, dienende, erkennende Liebe, die nichts für sich selbst begehrt, vermag Ihn zu erfreuen und nur diese höchste Bhakti offenbart Bhagavan, wie Er ist und wer Er ist.

Mit weit offenem Herzen lauschte Vyasadeva den Worten seines Lehrers. Als Narada ihn schliesslich wieder verliess, setzte er sich in Meditation nieder und sammelte seinen Geist vollständig in Bhakti-Yoga. So verfasste er als letztes das achtzehnte Purana, das Bhagavata-Purana (Shrimad-Bhagavatam). Das Bhagavata-Purana wird auch das Aufgehen der Purana Sonne genannt. Es gilt als Vyasadevas Kommentar zum Vedanta (den Upanishaden oder vedischen Geheimlehren), deren Essenz er ja bereits in kurzen Merkworten in den Vedanta-sutras zusammengefasst hatte. Das Shrimad-Bhagavatam beginnt mit den gleichen Worten wie das Vedanta-sutra: janmady asya yatah = Die Absolute Wahrheit ist das, von dem alles ausgeht. Doch während im Vedanta-sutra die Weisheit des Veda in kurzen Merkworten zusammengefasst ist, enthüllt nun das Shrimad-Bhagavatam diese Absoluten Wahrheit bis in ihr innerstes Wesen.

Quellen:
– Shrimad Bhagavatam, 1. Canto, Kapital 4 bis 7
– Sri Ishopanishad, Einleitung: Vorlesung von Srila A.C. Bhaktivedanta Swami vom 6. Oktober 1969
– Walther Eidlitz, Der Glaube und die Heiligen Schriften der Inder, Kapitel: Vyasa
– Walther Eidlitz, Das Leben und die Lehren Sri Chaitanyas, Anhang