Frauen zwischen Kultur und spirituellem Ideal


Als ich Ende 1981 zum ersten mal mit Bhakti-Yoga, Krishna-Bewusstsein und dem Veda in Berührung kam, interessierte mich die Frage nach dem Bild der Frau im Veda nicht sonderlich. Aufgewachsen war ich in einer Kultur - der Schweiz Ende des 2. Jahrtausends -, in welcher den Frauen in Gesellschaft und Beruf immer mehr dieselben Möglichkeiten offenstanden wie den Männern. Als Kind spielte ich mit Vorliebe Fussball und Hockey mit den Jungens, während ich Puppenspielen und Handarbeiten nicht viel abgewinnen konnte. Als ich grösser wurde, war die Frage von Studium, Beruf und Freizeit eine Frage des persönlichen Interesses, der Eignung und der individuellen Möglichkeiten. Zwar spielte das Geschlecht immer noch eine gewisse Rolle, so dass es typische Frauen- und Männerberufe gab, doch grundsätzlich gab es für Frauen diesbezüglich keine Verbote mehr. Für mich persönlich, und viele meiner weiblichen und männlichen Altersgenossen, war diese Selbstbestimmung keine Frage der Emanzipation, sondern selbstverständlich für ein Ideal, welches die Menschen, nach ihrer Persönlichkeit, und nicht nach Hautfarbe, Rasse und Geschlecht zu beurteilen suchte – unabhängig davon, wie erfolgreich dieses Ideal in der Gesellschaft dann auch umgesetzt wurde.

Als ich nun den Veda kennenlernte, gefiel mir sogleich die darin enthaltene Botschaft, einen jeden als Bruder und Schwester (im Geist) zu betrachten, sowie Eigenschaften und Fähigkeiten der Person zuzuordnen, und nicht der äusseren Erscheinung des Körpers (Hautfarbe, Behinderung, Abstammung, Geschlecht). So begeisterte mich die Philosophie, der Bhajana (gesungene Meditationen), die Menschen und ich fand es ganz natürlich, dort anzupacken, wo Hilfe nötig war.

Die ersten Botschafter der vedischen Philosophie, die ich kennenlernte, waren Schüler des Bhakti-Lehrers A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada. Er selbst war bereits 1977 von dieser Welt gegangen und so wurden seine Tempel von seinen Schülern weiterverwaltet. Küche und Nähzimmer waren für mich tabu, da nach den Tempelregeln der Bildgestaltenverehrung nur eingeweihte Bhaktas bei diesen Diensten mithelfen durften. Dadurch hatte ich eher wenig Kontakt zu den Matajis (wörtlich: Mütter. Da der Mutter in der vedischen Kultur grosse Achtung zukommt, werden Frauen als Zeichen des Respektes generell als Mütter angesprochen), die vor allem in diesen Bereichen tätig waren. Ich besuchte stattdessen mit Vorliebe die Vorlesungen und Bhajanas und half bei all den Dingen mit, wo das Tragen von Hosen nicht als störend empfunden wurde, z. B. beim Putzen, Abwaschen und Essen (Prasadam) verteilen. Die Tempelautoritäten legten grossen Wert auf das Studium der Philosophie und empfahlen einem jedem, sich täglich sowohl Vorlesungen anzuhören als auch die Bücher Srila Prabhupadas zu lesen.

Als Frau, die mit ihrem Freund ausserhalb des Tempels lebte, wurde ich angewiesen, besonders die Erklärungen über Frauen im allgemeinen und verheiratete Frauen zu studieren, um für mein eigenes Leben praktische Richtlinien zu erhalten. Ich muss gestehen, es erging und ergeht mir beim Studium von Srila Prabhupadas Büchern oft wie beim Essen eines "very hot chutney" (süss-scharfes Früchtemus): Ähnlich wie der Chili im Chutney, wirkt manches für meinen Verstand und mein Empfinden so eng, wirklichkeitsfremd und peinigend, dass ich das Ganze am liebsten vergessen möchte. Daneben finden sich immer wieder wunderbar klare und erhellende Lehren, die mich nicht loslassen und veranlassen, immer noch weiter zu studieren.

Auch in Bezug zu Frauen, ihren Eigenschaften und ihrer Rolle in der Gesellschaft ging ich durch diese Wechselbäder. Zum besseren Verständnis möchte ich hier nur einige wenige Beispiele anführen:

Unter den Frauen bin Ich Ruhm, Glück, erlesene Sprache, Gedächtnis, Intelligenz, Standhaftigkeit und Geduld.
(Bhagavad-gita 10.34)
O Sohn Prithas, alle die bei Mir Zuflucht suchen, können das höchste Ziel erreichen, auch wenn sie Niedriggeborene, Frauen, Vaishyas und Shudras sind.
(Bhagavad-gita 9.32)
"Die sieben hier aufgeführten Eigenschaften – Ruhm, Glück erlesene Sprache, Erinnerungsvermögen, Intelligenz, Standhaftigkeit und Geduld – gelten als weiblich." (Erl. von Srila Prabhupada zu Bhagavad-gita 10.34) "Srimati Kunti sagt, sie fühle sich unfähig, den Herrn zu sehen, weil sie eine Frau sei. Das sagt sie, weil Frauen, Shudras und die Dvija-bandhus, die gefallenen Abkömmlinge der höheren drei Klassen, intelligenzmässig nicht in der Lage sind, transzendentales Wissen zu verstehen, das sich auf den spirituellen Namen, den Ruhm, die Merkmale, die Formen usw. der Höchsten Absoluten Wahrheit bezieht. (Erl. von Srila Prabhupada zu SB.1.8.22)
"Ist es deshalb nicht umso wundervoller, dass sie trotzdem transzendentale Liebe zu Krishna, dem Herrn aller mystischenYogis, entwickelten?" riefen die Brahmanas aus. "Sie haben uns durch ihren festen Glauben und ihre Hingabe an Krishna weit übertroffen." (Srila Prabhupada, Krishna Buch: Die Frauen der Brahmanas erlangen Befreiung) Die vedischen Schriften erlauben es den Frauen nicht, durch die Reinigungszeremonie und die anschliessende Übergabe der heiligen Schnur eingeweiht zu werden oder als Brahmacarini im Ahsrama des spirituellen Meisters zu leben. Es wird ihnen nicht geraten, sich harten Entsagungen zu unterziehen und sie sind auch nicht in der Lage, über die Philosophie der Selbstverwirklichung zu sprechen; dazu kommt, dass sie von Natur aus nicht sehr rein sind und sich auch nicht sonderlich zu glückverheissenden Tätigkeiten hingezogen fühlen. (Srila Prabhupada, Krishna Buch: Die Frauen der Brahmanas erlangen Befreiung)
Im Grunde gilt eine Frau als die Energie des Mannes. Geschichtlich betrachtet steht hinter jedem grossen Mann entweder eine Mutter oder eine Ehefrau. (Erl. von Srila Prabhupada zu SB. 4.26.15) Frauen haben im allgemeinen sehr starke sexuelle Neigungen. In der Tat heisst es, dass der Geschlechtstrieb einer Frau neunmal stärker ist als der eines Mannes. Es ist daher die Pflicht eines Mannes, seine Frau unter seiner Kontrolle zu halten, indem er sie zufrieden stellt, ihr Schmuck, gute Speisen und Kleidung gibt und sie mit religiösen Tätigkeiten beschäftigt. Natürlich sollte eine Frau ein paar Kinder haben und auf diese Weise den Mann nicht stören. (Erl. von Srila Prabhupada zu SB. 4.27.1)
Dies zeigt, dass Frauen von Natur aus weichherzig sind; ihre natürliche Zuneigung und Liebe kann nicht durch künstliche Mittel aufgehalten werden. (Erl. von Srila Prabhupada zu SB. 4.4.7) Im allgemeinen ist die Trennung von Ehemann und Ehefrau auf das Verhalten der Frau zurückzuführen; Scheidung findet aufgrund weiblicher Schwäche statt. (Erl. von Srila Prabhupada zu SB. 4.4.3)
Zwischen einer guten Frau und guter Intelligenz besteht kein Unterschied. Jemand, der gute Intelligenz besitzt, kann in rechter Weise nachdenken und sich aus vielen gefährlichen Bedingungen retten. (Erl. von Srila Prabhupada zu SB. 4.26.16.) In der Manu-samhita heisst es auch, das Frauen keine Freiheit gegeben werden sollte. Dies bedeutet nicht, dass man sie wie Sklaven halten soll, doch sie sind wie Kinder. Kindern gewährt man keine Freiheit, aber das bedeutet nicht, dass man sie wie Sklaven hält. (Erl. von Srila Prabhupada zu Bhagavad-gita 16.7.)
Der vedischen Auffassung vom Familienleben zufolge gibt der Ehemann die Hälfte seines Körpers seiner Frau, und die Ehefrau gibt die Hälfte ihres Körpers ihrem Ehemann. Mit andere Worten: ein Ehemann ohne seine Ehefrau und eine Ehefrau ohne ihren Ehemann sind unvollständig. (Erl. von Srila Prabhupada zu SB. 4.4.3) Männer sind dafür berühmt, gegenüber einer schönen Frau draufgängerisch zu sein, und solches Draufgängertum wird manchmal als Vergewaltigung bezeichnet. Obwohl Vergewaltigung gesetzlich nicht erlaubt ist, ist es eine Tatsache, das es eine Frau liebt, wenn ein Mann sehr geschickt darin ist, eine Frau zu vergewaltigen. (Erl. von Srila Prabhupada zu SB. 4.25.41)

Beim ersten Kontakt mit diesen Texten war ich gerade mal achtzehn Jahre alt und mich so richtig mit diesen Erklärungen befassen, mochte ich nicht, denn es gab andere Aspekte im Bhakti-Yoga und in meinem Leben, die mir wichtiger schienen. Dennoch waren es vor allem zwei Eindrücke aus dieser Zeit, die meine spätere Auseinandersetzung mit dem Thema stark beeinflussten.

  • Zum einen erlebte ich, wie innerhalb der Tempelgemeinschaft eine Art Klassen- und Hierarchiesystem bestand. Da gab es die erstklassigen Geweihten, deren Dienst im Bücher-Sankirtan bestand, dann kamen die Tempelgeweihten, die mit Kochen, Putzen, Pujaridiensten und ähnlichem beschäftigt waren. Und schliesslich kamen die Verheirateten, deren Hingabe nicht so stark sein konnte, da ihr Wunsch nach Sinnenbefriedigung sie offenbar daran hinderte, sich völlig hinzugeben. Die Frauen nahmen darin noch eine besondere Stellung ein: Sie galten als Verkörperung der "maya" (Täuschung) schlechthin. Da ihnen eine ständige Bereitschaft zur Sinnenbefriedigung zugesprochen wurde, wurden sie als eine Gefahr für die Entschlossenheit und spirituelle Hingabe der Brahmacaris (zölibatäre Studenden) und Grihastas (verheiratete Yogis) betrachtet.
  • Die andere Erfahrung war von persönlicher Natur. Eigentlich hätte ich mich auch gerne vollständig im Bhakti-Yoga beschäftigt. Doch für mich selbst unerklärlich, stellte sich bei meinen regelmässigen Besuchen im Tempel, immer bereits nach kurzer Zeit ein Gefühl des Erdrücktseins ein. Unter dem Eindruck dessen, was mir die Tempelmatajis erklärten, und dem, was ich selbst an vielen Stellen in Srila Prabhupadas Büchern lesen konnte, schrieb ich dieses Gefühl meinen Schwächen als Frau zu: dem Wunsch nach Sinnenbefriedigung, der Unfähigkeit sich zu kontrollieren, der fehlenden Intelligenz, spirituelle Themen wirklich begreifen zu können, usw. Die Schuldkomplexe, zu denen ich damals neigte, verstärkten sich um ein Vielfaches und ich litt oft in dieser Situation.

    Es war letztlich auch dieser Leidensdruck, aus dem eine intensive Auseinandersetzung mit mir selbst entstand: sich hinterfragen, sich prüfen, aber auch Selbstverantwortung tragen und zu den eigenen Idealen stehen, den eigenen Schatten annehmen und immer wieder versuchen, Schritt um Schritt weiterzugehen. So wurde mein Studium des Bhakti-Yoga gleichzeitig zu einer Erfahrung meiner Selbst. Das Bild der Frau im Veda war dabei nur eines von vielen Themen, mit denen ich immer wieder konfrontiert wurde.

    1990 traf ich dann auf Swami Bhakti Aloka Paramadvaiti, dessen Schülerin ich schliesslich wurde. Seit meinem ersten Zusammentreffen mit der Bhakti-Philosophie hatte sich vieles verändert. Aufgrund verschiedener Entwicklungen hatte ich schon vor Jahren von der Bewegung Srila Prabhupadas und seinen Büchern Abstand genommen. Nun traf ich auf einen geistigen Meister, der meine Zuneigung und auch meinen Respekt eroberte. Swami Paramadvaiti eröffnete mir einen völlig neuen Zugang zum Krishna-Bewusstsein. Aber er liess keinen Zweifel offen, dass das spirituelle Geschenk, das ich in ihm zu entdecken glaubte, letztlich ein Geschenk seines eigenen geistigen Meisters war: Srila Bhaktivedanta Swami Prabhupada.

    Es würde meiner Natur widersprechen, etwas zu vertreten, von dem ich nicht wirklich überzeugt bin. Bestimmte Aussagen in den Büchern lehnte ich nach wie vor ab. Aber ich erhielt auch die Ermutigung, mich erneut mit ihnen auseinanderzusetzen.

    Manchmal sprach ich mit Swami Paramadvaiti über den Konflikt, der sich mir beim Studium der Bücher erschloss und oft erzählte er mir dann ein persönliches Erlebnis, das ihn selbst mit Srila Prabhupada verband. Er erinnerte sich an viele Beispiele, in denen die Wertschätzung und das Vertrauen Srila Prabhupadas zu seinen Schülerinnen zum Ausdruck kam. Srila Prabhupada zögerte nicht, mit einer indischen Sitte zu brechen, und auch Mädchen als Brahmacarinis (zölibatäre Studentinnen) einzuweihen, um sie ähnlich seinen männlichen Schülern in den Bhakti-Yoga zu integrieren. Einzelnen übertrug er selbst die grosse Verantwortung eines Tempelpräsidenten. Besonders beeindruckte mich auch die Schilderung einer Begebenheit in Indien. Srila Prabhupada war zu einem Vaishnava-Treffen eingeladen worden, zu dem ihn einige seiner Schüler begleiteten, darunter auch Sannyasis. Als er gebeten wurde, einige Worte vorzutragen, übergab er das Wort jedoch einer seiner Schülerinnen, die nun über Krishna-Bewusstsein sprechen sollte. Mit dieser praktischen Unterweisung unterstrich Srila Prabhupada die Anweisung Sri Caitanya Mahaprabhus, die er auch in seinen Büchern immer als sehr bedeutsam für seine Bewegung betonte: kiba vipra, kiba nyasi sudra kene naya yei krsna-tattva-vetta, sei guru haya (CC. II.8.128)

    "Ob jemand ein Gelehrter, ein Sannyasi oder ein Shudra ist – gleichgültig, was immer er ist –, wenn er das Tattva (wahre Wesen) Krishnas kennt, ist er geeignet, Guru zu sein."

    Durch Swami Paramadvaiti lernte ich auch die Bücher von Walther Eidlitz kennen, die mein Erfahren der Bhakti-Welt weiter bereicherten. Er schrieb:

    "Nicht nur Shudras und Kastenlose, vor allem waren die Frauen nach einem späteren Gebot, das freilich viel umkämpft wurde, vom Hören des Veda, vom Empfangen des vedischen Mantra und vom Opfer ausgeschlossen. Doch es war nicht immer so gewesen.
    Die Frauengestalten der Devis in der indischen bildenden Kunst haben sehr oft die heilige Schnur der "zum zweiten Mal Geborenen" um den Nacken geschlungen, von der rechten Schulter schräg über die Brust zur linken Hüfte verlaufend.
    In der Brihad-Aranyaka-Upansihad steht eine Frau mit Namen Gargi mitten im Kreis der Brahmanen. Sie ist es, die den Guru am unerschrockensten nach dem unvergänglichen Grund alles Seins fragt und die tiefsten Antworten empfängt. In der gleichen Upanishad gibt derselbe Guru, ein strenger harter Mann, seiner eigenen Frau Maitreyi die Initiation und enthüllt ihr den göttlichen Grund aller Liebe. In der Nrsinha-Purva-Tapaniya-Upanishad wird jedoch davor gewarnt, einer Frau oder einem Shudra den heiligen Mantra zu geben. Dieser Kampf geht durch Jahrtausende indischer Geistesgeschichte, spielt noch in das Leben und Ringen Mahatma Gandhis hinein, der zur Empörung vieler orthodoxer Brahmanen auch die Kastenlosen, Männer und Frauen, vedische Mantras hören liess, um durch das ewige Wort die Atmas dieser Erniedrigten zu erwecken." (Der Glaube und die heiligen Schriften der Inder", Vrinda 1999, S. 57/58)

    Ich frage mich, inwieweit der beschriebene Konflikt, seine Wurzeln in der sich ständig wandelnden Kultur verschiedener Zeiten und Umstände hat. Gerade die östlichen Sampradayas (Schüler-Nachfolgelinien) behalten ihre Lebendigkeit dadurch, dass der Sinn der empfangenen Lehre im gelebten Beispiel der Gurus je nach Zeit, Ort und Umständen eine praktische Anwendung findet. "Klammert euch nicht an Worte, sondern versucht ihren Sinn zu erfassen", hatte Bhaktivinoda Thakura geraten. So lehrten die verschiedenen Acaryas entsprechend der Zeit und Kultur in der sie lebten. Ihre Anweisungen und Erklärungen mochten sich unterscheiden, da die Umstände dies notwendig machten, doch sie dienten demselben Ideal.

    Ist der Konflikt nicht schon fast vorprogrammiert, wenn wir mit den Erfahrungen und Prägungen aus unserer eigenen heutigen Kultur, über eine Kultur urteilen wollen, die früher existierte und Dinge ganz anders handhabte? Und muss nicht auch der Gegenversuch, einer gegenwärtigen Gesellschaftsform bestimmte Ansichten und Praktiken einer vergangenen Kultur aufzudrängen, zum selben fruchtlosen Ergebnis führen?

    Obwohl in unserer westlichen Kultur fast alles erlaubt ist, würde es zu einigem Aufruhr kommen, wenn plötzlich jemand nach Sitte einiger afrikanischer Stämme, relativ unbekleidet seinen täglichen Tätigkeiten in der Familie und der Gesellschaft nachgehen würde. Nun mir scheint, unsere westliche Kultur des 21. Jahrhunderts verhält sich ähnlich zur traditionell indischen Kultur, in der die Domäne der Frau einzig und ausschliesslich in der Familie lag, wo sie auch den grössten Teil ihres Lebens in den geschützten, eigens für sie und ihre Gefährtinnen eingerichteten inneren Gemächern des Familienanwesens verbrachte.

    In meiner Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Menschen, die Srila Prabhupada nur durch seine Bücher kennenlernten, musste ich immer wieder erfahren, wie hinderlich sich Aussagen wie in der Erläuterung zu SB 4.25.41 auf das Vertrauen in die Bücher und die Zuneigung zur Philosophie des Bhakti-Yoga auswirkten. Manchmal schauten mich meine Gesprächspartner nur ernst an und fragten: "Und Du vertrittst diese Ansicht wirklich?" Nein, das konnte ich nicht. Aber aufgrund meiner Verbundenheit mit Swami Paramadvaiti wusste ich auch, dass es sich nicht so verhalten musste, wie bestimmte Textpassagen vermuten liessen. Ähnliche Fragen wurden auch an den Bhakti-Lehrer Sripad Tripurari Maharaja gerichtet, der antwortete:

    "Alle alten und selbst die jüngeren Gesellschaftsformen, sowohl die religiösen als auch die säkularen, haben in ähnlicher Weise die Frauen mit Augen betrachtet, wie es die heutige Gesellschaft nicht mehr tut. Der Grund dafür liegt allgemein in der augenfälligen Tatsache, dass Frauen weder dümmer noch lustvoller usw. sind als die Männer." (Sangha 3/4, 1.2.2001)

    Und in einer anderen Antwort schrieb er:
    "Srila Prabhupadas Kommentare zur Bhagavad-Gita wurden vor mehr als 50 Jahren geschrieben. Hätte er seinen Kommentar in der heutigen Zeit verfasst, wäre es sehr gut möglich, dass er unterschiedlich ausgefallen wäre. Er hätte das soziale und kulturelle Umfeld der Gegenwart mit in Einbetracht genommen. Srila Prabhupada war tatsächlich jemand, der sich im Verhalten wechselnden Situationen anpassen konnte und er war sehr liberal gesinnt. Innerhalb des Gaudiya Vaishnavatums unternahm er revolutionäre Schritte, um den Status der Frauen zu erhöhen und sie in der spirituellen Kultur zu beschäftigen. Seine Kommentare sind 50 Jahre alt und erscheinen der heutigen postmodernen Weltanschauung konservativ und etwas gefühllos. Aber wir müssen Srila Prabhupada im Lichte seiner Tatkraft erkennen, mit der er die Lehren Caitanya Mahaprabhus in die Gegenwart umsetzte und sie für die heutige Zeit bedeutsam machte. Mit der Hilfe seiner Segnungen müssen wir es ihm gleichtun und da weiterfahren, wo er aufgehört hat, indem wir unsere Pranams immer wieder und wieder seinen Lotosfüssen darbringen." (Sangha 2/40, 21.9.2000)

    Ich finde diese Erklärungen beeindruckend und mutig zugleich. Umsomehr dürfen auch die Frauen den Mut aufbringen, entsprechend ihrem weiblichen Wesen und ihrer Verwirklichung den Lehren Caitanya Mahaprabus in der heutigen Zeit eine praktische Anwendung zu geben. Es geht dabei nicht um eine Emanzipation im Sinne eines Versuches, die Männer zu kopieren oder mit ihnen in einen Wettstreit zu treten, wer nun besser ist oder mehr zu sagen hat in dieser Welt. Vielmehr wird Zeit und Ort mit in Einbetracht genommen, d. h. eine Gegenwart, in der die Frauen gesellschaftlich und sozial in alle Bereiche gleichwertig miteinbezogen sind. Gleichzeitig weist die Erklärung darauf hin, dass es keinesfalls um einen blossen Geschlechterkampf gehen kann. Hervorgehoben wird, worum es einem Bhakta – ob Mann oder Frau, Sannyasa oder Ehemann – im wesentlichen gehen sollte: das Geschenk der Lehren Caitanya Mahaprabhus in sein eigenes Leben aufzunehmen und es unterschiedslos an andere weiter zu verschenken.

    Zum Ende meiner Betrachtung möchte ich einen Kommentar des indischen Philosophen und Politikers Sarvepalli Radhakrishnan zum Bhagavad-gita Vers 9.32. wiedergeben. S. Radhakrishna war nicht nur Präsident von Indien (1962 - 1967) er gilt auch als einer der tiefgehenden Philosophen und Kenner der vedischen und indischen Kultur.

    "Denn alle, die ihre Zuflucht in mir suchen, o Partha, auch wenn sie Niedriggeborene, Frauen, Vaisyas und Shudras sind, auch sie gelangen an das Höchste Ziel."
    (Bhagavad-gita 9.32)

    Kommentar:
    "Die Botschaft der Gita ergeht an alle, ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts oder der Kaste. Dieser Vers darf nicht als eine Verteidigung jener Sitten angesehen werden, welche Frauen und Sudras vom Veda-Studium ausschliessen. Er nimmt auf eine zur Entstehungszeit der Gita geltende Anschauung Bezug. Die Gita heisst jene gesellschaftlichen Regeln keineswegs gut.

    Fussnote 1:
    In den alten Zeiten bestand die Neigung, die Nicht-Hindus als Barbaren zu betrachten, obwohl eine solche Haltung der Überlegenheit gar nicht auf die Hindus begrenzt war. Die alten Griechen sahen alle Ausländer als Barbaren an. Der römische General Quintilian Varus sagte vor den Bewohnern Deutschlands: "Wohl sind sie Menschen, doch haben sie ausser der Stimme und den Körperteilen nichts Menschliches an sich." Der französische Philosoph Montesquieu (1689-1755) äusserte über die Neger: "Man kann sich schlecht vorstellen, dass Gott, der so weise ist, eine Seele, ja noch viel mehr, eine unsterbliche Seele in einen vollkommen schwarzen Körper gelegt haben soll. Es ist unmöglich zu denken, daß diese Leute menschliche Wesen sind."

    Die Gita legt das Hauptgewicht auf geistige Werte und schreitet über rassische Unterschiede hinaus. Ihr Evangelium der Liebe ergeht an alle, Männer und Frauen, an die Angehörigen aller Kasten, ja auch an die Kastenlosen.

    Fussnote 2:
    Es ist für jeden gefühlsbegabten Hindu eine Sache tiefer Erniedrigung und Beschämung, dass manchmal Versuche unternommen werden, die Unberührbarkeit zu rechtfertigen. Buddha begrüßte die antyajas in seinem sanga. Im Ramayana fährt ein Mensch, den man heute als unberührbar ansehen würde, Rama in einem Boote über den Ganges. Die großen Lehrer der bhakti, sowohl Shaivas als auch Vaishnavas, haben um Gleichberechtigung gerungen und verkündet, dass die an Gott glauben, von welcher Herkunft sie auch immer sein mögen, die besten der Zweimalgeborenen seien: candala 'pi dvijasrestah haribhaktiparayanat. Zu den Anhängern des Caitanya gehörten Hindus, Moslems, Diebe und Dirnen."