Die Reinkarnationslehre lehrt von Grund auf eine gänzlich andere Haltung: "Was immer dir in deinem Leben wiederfährt, das hat direkt mit dir zu tun". Es ist nicht die Schuldfrage, die dabei besonders betont würde. Schuld ist gänzlich nebensächlich. Vielmehr geht es um die Willensfreiheit als Grundlage jeder individuellen Entwicklung, und den sich daraus ableitenden Selbstbestimmung und Verantwortung.
Der folgende Dialog stammt zwar nur aus einem Roman von Rainer M. Schröder (Das Geheimnis der weissen Mönche). Aber was heisst hier "nur"? Der Aufruf, der darin zu finden ist, ist ein Aufruf an die Menschen, in ihrem Glauben langsam erwachsen zu werden und für all das Verantwortung zu übernehmen, was im eigenen Leben ist. Ob jemand dabei an Reinkarnation glaubt oder nicht, bleibt nebensächlich. Dem Autor und dem Roman liegt ein christlicher Hintergrund zugrunde, doch das Wesentliche bleibt sich gleich.
Ein Sprichwort sagt: "Irren ist menschlich - aber noch menschlicher ist es, dieses Irren jemandem in die Schuhe zu schieben!" Diesen Reflex beherrschen die allermeisten von uns von Klein auf. Kaum ist etwas passiert, oft nicht einmal der Rede wert, kommt schon gleich die Verteidigung: "Ich kann nichts dafür!"
"Ihr meint also, Gott hätte schon längst gegen den Hexenwahn einschreiten müssen, ja?", fragte der Mönch ruhig.
"Natürlich! Und nicht nur gegen die Hexenjäger, sondern auch gegen die Ausbeutung und Unterdrückung durch die Fürsten und gegen so vieles andere!"
"Ich fürchte, Ihr habt ein falsches Bild von Gott, Jakob. Der Allmächtige ist kein Puppenspieler und wir sind keine Marionetten, die an unsichtbaren göttlichen Fäden hängen. Wir sind nicht der Willkür eines Herrschers ausgesetzt, der die Welt erschaffen hat, damit er in diesem Welttheater ganz nach Lust und Laune und zu seiner Erbauung mal an diesem Menschenfaden und mal an jenem zieht", antwortete Bruder Basilius.
"Was sind wir dann?"
"Die Hüter der Schöpfung und frei in all unseren Entscheidungen. Gerade weil Gott uns liebt wie Eltern ihre Kinder, hat er uns nicht zu Sklaven gemacht, sondern uns die Freiheit geschenkt. Diese Freiheit beinhaltet nun aber auch, dass wir uns ebenso für das Gute wie für das Böse entscheiden können. Es ist nicht Gott, der Elend, Unterdrückung und Hexenwahn über die Menschen bringt, Jakob. Es sind die Menschen selbst, die sich gegen das Gute, gegen Liebe und Barmherzigkeit entscheiden und aus Verblendung, Raffgier und Herrschsucht ihren Mitmenschen so viel Leid antun."
"Und Gott schaut tatenlos zu!"
Der Mönch lachte neben ihm leise auf. "Seid mir nicht böse, Jakob, aber solch eine Reaktion ist typisch für uns selbstsüchtige Menschen."
"Das ist nicht grecht!", protestierte Jakob. "Ich habe nur davon gesprochen..."
"Lasst mich ausreden, Jakob!", viel Bruder Basilius ihm ins Wort. "Einerseits
wollen wir, dass niemand uns vorschreibt, was wir zu tun und zu lassen haben
und für welches Leben wir uns entscheiden. Wir wollen unseren Willen in
allen Dingen durchsetzten und die Welt so gestalten, wie wir sie für richtig
halten. Wir wollen Meister unseres eigenen Lebens sein und streben in allem
nach Allmacht. Und dieses grossartige Geschenk der völligen Entscheidungsfreiheit
hat Gott uns gemacht. Nur ignorieren wir gerne, dass die erste Pflicht der Freiheit
ist, dass sie sich Grenzen setzt, damit sie die Freiheit des Nächsten nicht
stranguliert. Denn Freiheit ohne Verantwortung ist und bleibt Willkür."
"Gut, dann lasst uns über das Wesentliche reden, Bruder Basilius!", stiess Jakob grimmig hervor. "Und zwar darüber, warum Euer Gott,der doch angeblich der Gott der Liebe und der Barmherzigkeit ist, all diese Verbrechen und das Elend zulässt, von dem Ihr vorhin erzählt habt!".