Vegetarismus, Religion und Yoga
(11.7. des Vrinda-Yoga-Seminars)
"Über heilige Stätten, über Gott und über die religiösen Pflichten herrscht unter den Gelehrten viel Streit, dass aber die Mutter etwas Heiliges ist und dass das Mitleid eine Tugend ist, darin stimmen alle Systeme überein."
In den vorherigen Kapiteln dieses siebten Teiles haben wir uns ausführlich mit dem Gedanken des Vegetarismus in den unterschiedlichen Religionen auseinandergesetzt. Entsprechend der individuellen Denk- und Gefühlsart, die jeder dieser Heilswege aufweist, haben sich die Gläubigen in einer eigenen Form mit der Thematik auseinandergesetzt. In dieser Unterschiedlichkeit treten auch viele gemeinsame Werte zu Tage, wie etwa: die Wertschätzung und Achtung vor dem Leben, die Bemühung um Barmherzigkeit, die Verpflichtung verantwortlich gegenüber Schöpfung und Geschöpfen zu handeln, den Schwachen und Bedürftigen dieser Welt beizustehen und ähnliches mehr. Obschon Vegetarismus nicht einfach mit innerer oder spiritueller Entwicklung gleichgesetzt werden kann, besteht doch ein Zusammenhang zwischen beidem. Die oben aufgezählten Werte sind Grundwerte dieser philosophisch-religiösen Heilswege und als solches bilden sie die Grundlage für eine praktische Umsetzung im Leben des Suchenden, des Yogi.
Es sind die Tugenden, das was das menschliche Leben erhöht, welche die verschiedenen religiös-philosophischen Systeme mit ihren Unterweisungen, Geboten und Verboten im Menschen zu fördern beabsichtigen. Wie wir anhand der Erörterungen zum Vegetarismus in den verschiedenen Systemen feststellen können, wird dabei die Unterschiedlichkeit der Menschen durchaus in Betracht gezogen. Das Absolute, das Höchste, bildet dabei immer das vollkommene Ideal. Es ist die Richtschnur, an der entlang sich der Suchende (der Gläubige oder der Yogi) weitertastet. Doch es ist ein Weg der durch die Welt der Dualität führt, vom Unvollkommen zum Vollkommenen und nicht jeder befindet sich an derselben Stelle dieses Weges. So enthalten alle Systeme Zugeständnisse an die Unvollkommenheit der Menschen: an ihre Triebe, Gewohnheiten, ihren Durst. Denn es hat ja keinen Sinn, die Wirklichkeit des Unvollkommenen zu ignorieren, und mit Zwang und Drohung einen Lebenswandel einzufordern, welcher zwar dem Ideal, nicht aber der Wirklichkeit entspricht.
Zwang und Angst sind Stützen, die einen jungen Baum leicht krumm wachsen lassen. Die Stütze jedoch, die dem Baum erlaubt, sich Erkenntnis um Erkenntis in die Höhe zu winden, lässt den Baum stark werden. Deshalb sind die Zugeständnisse immer mit starken Einschränkungen verbunden. Diese Einschränkungen zwingen den Menschen, sich mit seinen Wünschen auseinanderzusetzen. Die Wünsche werden weder verboten, noch verdrängt. Jedoch soll der Mensch einen Einblick erhalten, in die Folgen, die seine Wünsche für sich und andere nach sich ziehen. Es ist eine Kriegserklärung an eine Mentalität, die lieber hohe Mauern und Stacheldraht um jene Orte errichtet, die anzuschauen einem schier unerträglich sind.
Gewohnheit lässt uns abstumpfen. Wieviele von uns sind es bereits gewohnt, die schlimmsten Nachrichten über Krieg und Elend in der Welt zu hören oder zu sehen, während wir gerade unser Mittagsmahl oder Abendbrot einnehmen? Solches kann vielen unter uns nicht mehr auf den Magen schlagen. Und trotzdem: wenn eine solche Bluttat direkt vor unseren Augen geschehen würde, wären wir davon tief betroffen. In ähnlicher Weise haben wir uns heute an eine Ernährung gewöhnt, die uns nicht weiter darüber nachdenken lässt, welche Qualen verursacht wurden, damit wir ohne auch nur mit frischem Blut in Berührung zu kommen, Fleisch kaufen und letztlich auf verführerische Weise auf dem Teller anrichten können. Doch würden wir direkt mit der blutigen Grausamkeit konfrontiert werden, die dem Fleischverzehr anhängt, würden wir Betroffenheit verspüren.
Aber dort, wo die Ausnahme zur Gewohnheit wird, mit anderen Worten, wo das mit strengen Einschränkungen verbundene Töten eines Tieres durch industrielle Massentötung ersetzt wird, stumpft das Bewusstsein des Menschen ab. Es gewöhnt sich daran und hält den Zustand für "normal".
Auf die Wichtigkeit des Vegetarismus als Ernährungsform für eine Menschheit hinzuweisen, die nach höheren Idealen strebt, nach einer Welt, in der universale Liebe und Harmonie dominant ist, ist kein Versuch, eine Ersatzreligion zu kreieren. Doch gerade für den nach Spiritualität suchenden Menschen kann die Ernährung nicht einfach Mittel sein, ungeachtet aller Folgen für sich und andere lediglich den Magen zufrieden zu stellen. In diesem Sinne ist Vegetarismus mehr als bloss eine Form der Ernährung: es ist Ausdruck einer Weltsicht, – einer Sicht, die Schöpfung und Geschöpfe nicht von ihrem Schöpfer trennt.
Sich vegetarisch zu ernähren mag noch weit von einer spirituellen Tätigkeit entfernt sein – auch viele Affen sind Vegetarier und trotzdem keine Yogis. Doch zumindest steht diese Form der Ernährung im Einklang mit der Bemühung um einen klaren, harmonischen Geist, der für den Yogi wiederum ein wichtiges Hilfsmittel auf seinem Weg zur Verwirklichung ist. Behalten wir das im Sinn, während wir uns nun einem weiteren vegetarischen Rezept zuwenden:
(Sanskrit Spruch)