Der Yogi und das Mitgefühl

(9.6. des Vrinda-Yoga-Seminars)

Im Veda wird das Mensch-Sein als ein wichtiger Abschnitt sowohl hinsichtlich des Erziehungsplans zum inneren Fortschritt als auch hinsichtlich der Position als Bestandteil im System der grossen ganzheitlichen Natur erklärt. Als von der Selbstvergessenheit des eigenen spirituellen Kerns läuternd und fördernd für die Harmonie im kleinen wie im grossen, werden Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Freizügigkeit, Duldsamkeit, Gewaltlosigkeit, Mitgefühl und ähnlichen gepriesen. Das Mahabharate erklärt: "Enthaltsamkeit von Gewalt im Handeln, Denken und Reden im Hinblick auf alle Geschöpfe, Mitleid und Nächstenliebe konstituieren eine Verhaltensweise, die des Lobes wert ist." (Übersetzung aus "Der Hinduismus", Ram Adhar Mall, S. 67). Und das Shrimad Bhagavatam hält fest: "Das religiöse Prinzip (dharma) desjenigen, der mitfühlt, wenn er sieht, wie andere Lebewesen in Not sind oder ihnen Glück widerfährt, wird von den fortgeschrittenen Persönlichkeiten, die als fromme Wohltäter gelten, als unvergänglich wertgeschätzt." (6.10.9).

Wir leben in einer Welt der Dualität. Darin ist es natürlich, dass es schwächere und stärkere Lebewesen gibt. Der Versuch, jeden als gleichstark, gleich intelligent, gleich schön, gleich mutig, gleich entsagt usw. zu betrachten oder zu ignorieren, dass aufgrund solcher Unterschiede in jeder Kultur ganz natürlich unterschiedliche Gesellschaftsschichten entstehen, scheitert daher bereits an den tatsächlichen Gegebenheiten. Wenn wir das menschliche Dasein betrachten, stellen wir sehr schnell fest, dass es keine zwei Menschen gibt, die gleich wären. Jeder ist eine eigenständige Persönlichkeit, mit seinen individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften. Mitgefühl bedeutet daher nicht einfach, bekümmert ob der problematischen oder leidvollen Situation zu sein, in der sich ein anderer befindet. Wahres Mitgefühl bedeutet vielmehr, dass jemand, der über bestimmte Fähigkeiten (z. B. Intelligenz, Wissen, Stärke usw.) verfügt, diese Fähigkeiten zum Schutze derjenigen einsetzt, die darauf angewiesen sind und selbst nicht darüber verfügen können. Auf diese Weise gründen die zwischenmenschlichen Beziehungen auf der Ebene von Liebe und Vertrauen, und münden nicht in eine Gesellschaft, in welcher der Kampf um die eigene Existenz und die Angst davor, ausgebeutet zu werden, jegliche Harmonie erstickt, und sie immer mehr zu einer Ellenbogen-Kultur werden lässt.

Ausbeutung in jeder Form entzieht der Harmonie die Grundlage. Daher wird der Starke in die Pflicht genommen, den Schwächeren zu beschützen und ihm beizustehen. Verschiedene Aspekte dieses Grundgedankens finden auf den unterschiedlichen Ebenen menschlichen Tuns ihre Anwendung: als Elternteil, in der Politik, in verschiedenen Schutzfunktionen (Polizei, Armee), als vermögender Mensch, Arzt, Lehrer, Freund, ja selbst als Konsument, der darüber entscheidet, inwieweit sein Konsum zur Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt wird.

Der Yogi ist von diesem System nicht ausgenommen. Obwohl ihm gelehrt wird, dass alles Tun letztlich die Wurzel nähren muss und der Baum vertrocknet, wenn das Wasser den Blättern und nicht der Wurzel gegeben wird, muss er diese fortgeschrittene theologisch-philosophische Schlussfolgerung in ein ganzheitliches Konzept einfügen. Er darf seine Aufmerksamkeit nicht nur auf vereinzelte (sehr hohe) Aspekte des Veda richten, sondern ist einem ganzheitlichen Studium des Veda verpflichtet. Auf diese Weise kommt er zum Verständnis, dass ein Yogi einen Weg der allmählichen Entwicklung geht, in dem Sinne, dass er oder sie tatsächlich die Essenz von all dem aufnimmt, was dem hohen Ziel vorangeht, sowohl bezüglich sozial-religiösen Lebens, als auch Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Entsagung, Mitgefühl usw.

Eine Anekdote des bekannten Bhakti-Lehres Srila Bhaktisiddhanta Saraswati Thakura (1874 - 1936) verdeutlicht dies ansehnlich:

In Begleitung seiner Schüler reiste Srila Bhaktisiddhanta Saraswati Thakura durch Orissa. Als er sich eines Tages auf dem Weg zurück vom Saksi Gopal Tempel befand, bemerkte er, dass keiner seiner ihn begleitenden verheirateten Schüler den Menschen etwas schenkte, die den Weg säumten und sie um Almosen baten. Als er dies sah, hielt er inne, setzte sich und begann seine Schüler über die Pflichten eines yogi zu unterrichten, der verheiratet ist (grihasta).

Er sagte: "Wenn ein verheirateter Mensch denkt: 'Ich darf nichts von dem Geld, das ich für Krishna aufgehoben habe, an die Armen und Benachteiligten verschenken,' dann weist er wahrhaftig Symptome der Erbärmlichkeit, Grausamkeit und des fehlenden Mitgefühls für andere auf. Er sollte nicht in Betracht ziehen, dass die Wohltätigkeit gegenüber den Armen eine fruchtbringende (karmische) Tätigkeit ist. Diese Gesinnung wird sein Herz verhärten lassen und er wird unter Gier zu leiden haben. Als Ergebnis dieses Tuns wird er sein Geld überhaupt nicht mehr spenden wollen, nicht einmal mehr zum hingebungsvollen Dienst zum Höchsten, welcher das letztendliche Ziel seines Lebens ist. Diese Haltung wird Vergehen auf dem Weg der Widmung einladen. Um uns vor dieser Art des Betrugs und der sündvollen Auffassung zu retten, verschenkte Sri Gaurasundara (Sri Chaitanya Mahaprabhu) während seiner Spiele als verheirateter Mensch (grihasta) für gewöhnlich Geld und ähnliche Dinge an die bedürftigen Leute.

Das Geld, das wir besitzen, haben wir nur durch die Gnade des Höchsten erhalten. Wenn wir etwas davon den bettelnden bedürftigen Menschen verschenken, ist dies keine Geldverschwendung, vielmehr stellt es dessen korrekte Verwendung dar. Prasadam (allg: Erweisung von Gnade) an andere zu verteilen, ist die notwendige Pflicht eines jeden verheirateten Vaishnavas (Gottesverehrer, yogi). Selbst wenn diese Menschen aufgrund ihres Karmas oder ihrer Bestimmung arm geworden sind, sind sie dennoch Teil von Gottes Familie. Daher ist es unabänderlich die feierliche Pflicht eines jeden aufrichtigen verheirateten Menschen (d. h. von jemandem, der Geld verdient und einen eigenen Haushalt versorgt), ihnen zu helfen."

Diese Haltung erinnert an den Diakonie Gedanken der christlichen Kirchen: im Dienste der Armen und Bedürftigen zu stehen. Der Veda schliesst im Beistand für die Schwächeren und Bedürftigen ausdrücklich die gesamte Schöpfung mit ein. Kein Mitgefühl zu haben, ist ein Prinzip, dass sich nicht nur gegenüber dem leidenden Mitmenschen, sondern auch dem leidenden Tier ausdrücken und damit auswirken kann. Das Tier, das in qualvoller Massentierhaltung dahinvegetiert und schliesslich oft unter Qualen zu Tode kommt, kann vom Yogi genauso wenig ignoriert werden, wie die Bedürftigkeit eines Menschen. Es kann dabei auch nicht um die Frage des Vorrangs zwischen Mensch und Tier je selbst der Natur gehen, sondern es muss um die Frage des Prinzips gehen: Wer bedarf meiner Hilfe? Wem kann ich beistehen?

Um in dieser Form Mitgefühl entwickeln zu können, bedarf es einer inneren Verbundenheit mit allem, was einem umgibt. Der Yogi wird ja bereits von Beginn an im Verständnis geschult, dass Schöpfung und Geschöpfe eine gemeinsame urerste Ursache haben. Er lernt die Lebewesen als Bruder und Schwester in einem geistigen Sinne zu betrachten. Ähnlich wie ein Mensch für gewöhnlich nicht unberührt vom Schicksal seiner leiblichen Geschwister bleibt, fühlt der Yogi deshalb mit allem mit.

In Indien ist die Geschichte des Jägers und Mörders weit verbreitet, der nach der Begegnung mit einem rishi (Heiligen) Yoga annahm, und von seiner Untugend der Grausamkeit geläutert wurde, um letztlich selbst ein rishi zu werden. Dieselbe Geschichte wird nicht immer gleich erzählt. Manchmal ist vom Jäger Mrgari die Rede, manchmal vom Mörder, der als Valmiki (der Verfasser des Epos Ramayana) bekannt wurde. Doch die Essenz der Geschichte bleibt immer dieselbe: Yogapraxis vermag selbst den grausamsten Menschen in ein mitfühlendes Wesen zu verwandeln.

In grenzenlosem Mitgefühl mit der Menschheit und der Schöpfung wanderte einst ein Weiser durch den wilden Dschungel Indiens. Er war furchtlos, kannte weder Gewinn noch Verlust, und suchte doch nach Seelen, die bereit waren, das Geschenk des Yoga zu empfangen. Da stellte sich im ein Wegelagerer in den Weg, der sich sofort daran machte, ihn auszurauben und umzubringen. Der Weise sah ihn jedoch bloss mit gütigen Augen und lichtem Gesicht an, so dass der Räuber einen Moment zauderte.

"Weshalb willst du so ein grosses Unrecht auf dich nehmen, und mich ermorden?", fragte der Weise. Die erhobene Hand des Mörders wurde schwer und er entgegnete verunsichert, dass er damit seinen Lebensunterhalt bestreite. Ruhigen Wortes erklärte der Weise dem Mörder die Auswirkungen solchen Tuns. Sein Wesen war das eines unschuldigen Kindes und das Wohlwollen, das von ihm ausging, beeindruckten den Mörder sehr. Allmählich wurde ihm die Grausamkeit seines Tuns bewusst und er bat dein Weisen, er möge ihn unterrichten, ihm einen Mantra geben und in den Yoga einführen, so dass selbst er vom Schmutz vieler Untaten geläutert werden könne.

"Das will ich tun, mein Freund", stimmte der Weise zu, beugte sich zu ihm und flüsterte ihm den Mantra "Rama" ins Ohr. Kaum hörte der Räuber diese Silben, wich er entsetzt zurück und schrie: "Nein, nicht diesen Mantra. Wie könnte ich – ein Räuber und Mörder – es wagen, über diesen heiligen Namen zu meditieren. Der Weise lächelte und erwiderte: "Ja, ich sehe dein Widerstreben ein. Nun dann singe den Namen "Mara". Das wird dir wohl mehr behagen!"

"O ja!", stimmte der Mörder zu. "Mara ist das rechte Wort. Es bedeutet Tod. Und mit dem Tod bin ich gut bekannt!" So segnete der Weise seinen neuen Schüler mit diesem Mantra und wies ihn an, diesen stetig zu verinnerlichen. Als er weiter zog, setzte sich der Räuber mit gekreuzten Beinen auf das Moos, hielt die Augen halb geschlossen, sang ununterbrachen "mara, mara, mara" und vertiefte sich darin.

Viele Jahre verstrichen, bis der Weise wieder einmal an dem Ort vorbeikam, da er dem Räuber und Mörder begegnet war. Nicht viel hatte sich an dem Pfad verändert, bloss ein Ameisenhügel erhob sich auf einer Seite des Pfades. Der Weise blickte näher hin und sah plötzlich Augen und Haare durch die Oberfläche des Ameisenhaufens schimmern. So still sass der Yogi, dass die Ameisen ungestört einen Bau rings um ihn auftürmen konnten. Er befand sich in tiefer Meditation und als der Weise sich ganz nahe dessen Mund beugte, hörte er die gemurmelten Silben: "..mara. .mara. marama. rama. .rama." So sass er nun, der ehemalige Mörder und Räuber, den nun nicht einmal mehr die Ameisen zu fürchten hatten.

Ein Yogi, der es mit seinen Übungen ernst nimmt, wird es nach Möglichkeit vermeiden, anderen Ungemach zu verursachen. Vielmehr wird er versuchen, anderen entsprechend seinen Fähigkeiten mit seinem Wissen, seiner Stärke, seinen Tugenden usw. zu helfen. Dies ist für ihn die praktische Anwendung des Begriffes "Mitgefühl".