Der Yogi zieht sich zurück: vanaprastha

(5.6. des Vrinda-Yoga-Seminars)

Als vanaprastha wird in der vedischen Kultur der dritte Lebensabschnitt eines Menschen bezeichnet. In diesen Stand sind vorwiegend die Mitglieder der höheren Kasten oder aber Menschen, die von Natur aus eine Neigung zur Yogadisziplin verspüren eingetreten. Es ist dies die Zeit, da die Mitglieder der Familie selbständig werden, für die der grihasta so lange Zeit gesorgt und sich verantwortlich gezeigt hat. Nun kann der älter werdende Mensch von dem geschäftigen Treiben der beruflichen und gesellschaftlichen Verantwortlichkeiten Distanz nehmen. Die Lebensweise des vanaprastha zeichnet sich durch eine sehr intensiv spirituelle Praxis (Pilgerreisen, Studium, Meditationen), Einfachheit und Entsagung aus. In den alten Schriften finden sich viele Regeln für den Menschen, der in den Stand des vanaprastha (wörtlich: Waldeinsiedler) eintreten will. Er soll keine Zeit mehr fürs Kochen aufwenden, sondern sich von ungekochter Nahrung ernähren (hauptsächlich von Früchten, Wurzeln, Samen, Blättern), Kleider tragen, die andere nicht mehr wollen, eine Reihe von Fastenregeln und -tagen einhalten, zölibatär leben, überfüllte Orte meiden und statt dessen die Abgeschiedenheit suchen. Dies soll ihm helfen zu erkennen, dass die dualistischen Gegensätze dieser Welt, ihm weder dauerhaften Frieden noch anhaltendes Glück vermitteln können, und deshalb keine endgültige Wirklichkeit für ihn als spirituelles Wesen aufweisen.

Obige Beschreibungen mögen uns auf den ersten Blick etwas fremd erscheinen. Aber zumindest ein Grundprinzip, das dem vanaprastha zugrunde liegt, ist auch uns Europäern vertraut. Wir kennen den Vorgang, dass ein älterer Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Ruhestand eintritt, und so die Gelegenheit erhält, sich den Dingen zu widmen, für die ihm die Zeit fehlte, als er seine zahlreichen sozialen, gesellschaftlichen und geschäftlichen Pflichten erfüllte. Eine ganz ähnliche Absicht verfolgt die Einrichtung des vanaprastha für den Yogi: sie bietet ihm Gelegenheit, sich verstärkt direkt seiner spirituellen Praxis widmen zu können, ohne dabei seine Verpflichtungen gegenüber Familie und Beruf zu vernachlässigen.

Es sei hier nochmals betont: es geht nicht darum, vedische Kultur und Zeitgeschichte nachzuahmen. Das Streben geht vielmehr dahin, die Botschaft des Veda aufzunehmen und in seinem eigenen Leben eine praktische Anwendung dafür zu finden. Würde heute jemand auf die Idee kommen, sich in den Wald zurückzuziehen, dort in eine Höhle zu ziehen oder sich behelfsmässig eine Laubhütte zu basteln, um dann nur noch von dem zu leben, was die Natur ihm bietet, würde er sehr schnell unter fürsorgerische Massnahmen gestellt werden, bevor er noch verhungerte oder erfröre. Wir haben keine Fruchtbaumwälder, kein Klima, das es erlauben würde, sich mit dem zu kleiden, was andere nicht mehr brauchen und vor allem keine gesellschaftliche Struktur, in welche diese Tradition eingebettet wäre und von der sie mitgetragen würde.

Worin liegt also die Absicht des vanaprastha Standes? Wenn die Kräfte langsam abnehmen und die verbleibende Lebenszeit kürzer wird, soll der Mensch die Gelegenheit ergreifen, sich vermehrt den eigentlichen Fragen des Lebens zuzuwenden: woher komme ich, wohin gehe ich, wer oder was bin ich, und welcher Sinn liegt in meiner Existenz?

Wer jung ist, hat das Leben vor sich und im allgemeinen viele Pläne und Wünsche, die er verwirklichen möchte wie etwa, beruflich erfolgreich und finanziell unabhängig zu sein, die Jugendlichkeit seines Körpers auszuschöpfen und das Leben zu geniessen und natürlich auch einen Partner zu finden, mit dem man all dies teilen kann, um den Genuss dadurch noch zu steigern. Fünfzig Jahre später hat sich die Lebenssituation verändert. Das Leben hat den Menschen geprägt und er kann selbst ermessen, inwieweit ihn das Streben nach Zielen des Ich (ich Körper) und Mein (alles, was dem Körper zugrundeliegt, wie mein Ansehen, meine Familie, mein Besitz, mein Sinnengenuss usw.) tatsächlich glücklich machen konnte. Er hat die Zeitweiligkeit und Dualität in all diesen Dingen erfahren, und auch die Art des Glücks, die aus dem Streben in dieser Dualität erwächst: zu Erfolg zu kommen – oder eben nicht, zu Ansehen zu gelangen -– oder ..., in einer Partnerschaft glücklich zu sein – oder ..., ein bequemes Leben zu haben – oder ..., gesund zu sein – oder ..., seine Kinder gesund und glücklich zu sehen – oder... und so viele Dinge mehr, auf die der Mensch im Laufe seines Lebens seine Aufmerksamkeit und Kraft verwendet.

Unabhängig davon, ob der Mensch nun seinen Durst nach den Dingen des menschlichen Lebens stillen konnte, kommt nun die Zeit, da der Körper ihm immer deutlicher natürliche Grenzen setzt. Gesundheit, jugendliche Schönheit, Ansehen in Beruf oder Gesellschaft und Sinnengenuss erfahren spätestens im Alter starke Einschränkungen und sind dem Menschen eine natürliche Anregung, sich tiefer damit auseinanderzusetzen, welchen Werten er seine Kraft und Aufmerksamkeit schenken will. Nebst dieser physischen Veränderung, ändert sich nun auch die berufliche Situation – er kommt ins Rentenalter und damit verändert sich auch sein Tätigkeitsfeld. Der yogi kann die bei uns übliche soziale Einrichtung der Altersversorgung sehr gut mit den Idealen des vanaprastha verbinden. Er findet nun die Zeit, sich in Meditation zu vertiefen und Pilgerreisen zu unternehmen, ohne sich Gedanken um seinen Unterhalt machen zu müssen. In dieser Situation kann er zu einer wertvollen Hilfe im Leben anderer werden, da er einerseits in einer Distanz zum Berufs- und Gesellschaftsleben steht, das er andererseits aus der Erfahrung seines eigenen Lebens sehr gut kennt. So kann er als objektiver Ratgeber handeln und gleichzeitig verstärkt seine Weisheit und innere Verwirklichung kultivieren.

Eine Warnung sei jedoch ausgesprochen: die in den meisten Ländern Europas üblichen Versicherungseinrichtungen (Renten, Fürsorge usw.), sollten nicht dazu verleiten, sich vor der Arbeit zur Erhaltung seiner Existenz zu drücken und dabei vorzugeben, man wolle sich vermehrt der spirituellen Praxis zuwenden. Selbst wenn jemand sich in vedischer Zeit dazu entschloss, vanaprastha anzunehmen, benötigte er dazu die Zustimmung seiner Familie und musste Vorkehrungen getroffen haben, die seiner Familie eine ausreichende Versorgung gewährleistete. Indem er sich selbst einzig von der göttlichen Vorsehung abhängig fühlte, begab er sich ohne weitere Rückversicherung in den Wald und lebte entsagt inmitten unberührter Natur und wilden Tieren. Wer den Sinn des vanaprastha verwirklichen möchte, sollte daher keine Versicherungsleistungen annehmen, ohne zu erkennen, dass darin keine dauerhafte Sicherheit zu finden ist.