Diskriminierung durch Karmalehre? - Namaste

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Diskriminierung durch Karmalehre?

Karma
Kritiker argwöhnen, das philosophische System des Karma fördere die Diskriminierung von unliebsamen Menschen- oder Randgruppen und verursache dadurch entsprechendes Leid. Tatsächlich finden sich in Ost und West Verfechter, die ihre persönlichen Sympathien und Antipathen unter Herbeiziehung der Karmalehre zu rechtfertigen suchen. In Indien finden sich Beispiele hierfür z. B. im Kastensystem oder der Frauenpolitik, während im Westen dieser Missbrauch vor allem in Bezug zu Rassismus (Juden oder Religonszugehörigkeit generell, Hautfarbe u. ä.) auftritt. Dieser Missbrauch wird dadurch ermöglicht, dass die philosophische Ebene der Karma-Lehre verlassen, und durch politische, sozial-politische und moralische Inhalte ersetzt wird.

Auslegungen, welche die Verantwortung und Handlung des Täters dem Opfer zur Last legen wollen, sind als krasser Misssbrauch der vedischen Karmalehre zu betrachten. So können beispielsweise die Greueltatetn des Holocaust nicht auf die Opfer abgewälzt werden, indem argumentiert wird, Juden, Zeugen Jehovas, Sozialisten, Regimkritiker und Behinderten seien alle minderwertig, da in einem früheren Leben schuldhaft, und würden lediglich erhalten, was ihnen zustehe. Die Einsicht, dass das, womit sich der Mensch im Jetzt ausinandersetzen muss, nicht zufällig ist und mit seinem eigenen Lebenslauf in der Vergangenheit zu tun hat, rechtfertigt in keiner Weise Unrecht, das ihm widerfährt. Es sind Menschen, die anderen Menschen Unrecht tun und dafür verantwortlich sind. Es sind Menschen, die private und internationale Kriege gegen andere führen.

Jemand, der einem anderen etwas antut, hat den inneren Wunsch, dies zu tun, etwas zu besitzen oder zu erlangen, und die Bereitschaft, dafür zu tun, was er dann letztlich auch tut. Das Gesetz des Karma – das unter der Leitung des inneren göttlichen Lenkers (antaryami) wirkt – nimmt keinen Einfluss auf den Wunsch und die Bereitschaft des Lebewesens. Es nimmt nur darauf Einfluss, dass sich Wunsch und Bereitschaft in einem bestimmten Moment, in einer bestimmten Situation, bei bestimmten Mit-Lebewesen auswirken können. In diesem Sinne ist jeder Mensch Werkzeug oder Erfüllungsgehilfe, obschon er gleichzeitig jederzeit volle Willensfreiheit hat und zu jedem Zeitpunkt die eigene innere Haltung und die damit zusammenhängende Handlungsweise ändern kann. Dementsprechend trägt er auch die volle Verantwortung für seine Handlungen.

In diesem Sinne gibt es keine unabänderliche Vorherbestimmung. So mag dem Lebewesen unter dem Einfluss der karmischen Auswirkungen eine bestimmte Menge an Freud und Leid zufallen. Dies muss jedoch nicht in einer vorherbestimmten Form zu geschehen haben. Es kann daher beispielsweise auch kein Krieg als "unabänderliches karmisches Schicksal" vorhergesagt werden. Sowohl Freud als Leid sind immer individuell. Leid und Tod existieren nicht nur im Krieg, sondern treten überall, in jeder individuellen Verkörperung, und in unzähligen Formen auf – vom Mobbing am Arbeitsplatz und Krisen innerhalb der Familie über Verkehrsunfälle und Krankheiten bis zu Katastrophen jedwelcher Art. Ebenso verhält es sich mit den sogenannten Freuden des Lebens.

Die Karmalehre jedoch, ist nie gegen andere gerichtet: Weder gegen ein Volk, noch gegen eine Rasse, nicht gegen den Gerechten und auch nicht gegen den Mörder, es kennt keine Modelle ethnischer Säuberungen oder gerechter Vergeltung. Diese Vorstellungen entspringen allesamt den Denkmustern der Menschen und ihrem Tun.

Bei tieferer Betrachtung kann festgestellt werden, dass es ganz und gar fehl am Platze ist, den Begriff 'gegen' mit dem Begriff 'karma' zu verbinden. Es ist ja nicht das Karma, das den Menschen für seine Handlungen "belohnt oder bestraft". Es sind die Handlungen selbst, die "strafen oder belohnen" – individuell und persönlich, so wie auch die Person als Täter oder Opfer immer individuell und selbstverantwortlich ist, unabhängig davon, welche Hautfarbe sie hat, oder welchem Geschlecht und welcher Volksgruppe sie angehört. Das Karmaverständnis bezieht sich in jedem einzelnen Fall auf das individuelle Tun des verkörperten Lebewesens (jiva) und kennt keine Wertung, die sich an unterschiedlichen und zeitweiligen Bezeichnungen wie Schwarzer, Weisser, Mann, Frau, Russe, Deutscher, Atheist, Christ, Hindu, Jude, Tibeter, Indianer, arm, reich usw. orientieren müsste.

Im Gegenteil, gerade die mit der Karmalehre verbundene Atmalehre betont die Bruder- und Schwesternschaft aller Seelen (atmas), und bezeichnet die unterschiedlichen Körperformen nur als zeitweilige Kleidungsstücke. In dieser Lehre gibt es nicht den kleinsten Raum, nicht die geringste Möglichkeit für nationalistische, rassistische oder gesellschaftliche Diskriminierung. Zentraler Punkt dieser Lehre ist das Verständnis: "Ich bin nicht der Körper, ich bin das ewige transzendentale Selbst (Atma)".

So taucht in der vedische Karmalehre oft der Gedanken der Schule des Lebens auf und damit auch das Grundverständnis, wonach es nichts Schlechtes gebe, das nicht aus einem guten Grund heraus geschehe. Der Inhalt dieses Verständnisses, ist ein philosophisches. In keinster Weise kann daraus eine politische, sozial-politische oder gar moralisch bewertende Aussage abgeleitet werden.

Es kann denn auch nur auf der Ebene des philosopischen Gehalts der Karmalehre eine Akzeptanz bezüglich unzähliger schwerer Einzelschicksale oder Massenvernichtungen geben, wie sie in einem Krieg, bei Hungersnöten oder Katastrophen auftreten.

Deshalb rechtfertigt die Karma-Lehre nicht, sie liefert lediglich eine philosophische Erklärung für das Auftreten dieser Dinge in persönlichem Bezug zum individuellen Menschen, seinem individuellen Schicksal, seiner individuellen Entwicklung, ohne Gott oder den Zufall dafür verantwortlich zu machen.

Unabhängig davon, ob Ereignisse von grosser Tragweite (Holocaust, Nagasaki, Vietnam, Tibet, der Genozid der Indianer usw.) historisch betrachtet, mit bestimmten Volksgruppen verknüpft werden, weist die Karmalehre noch auf einen Aspekt hin, dessen philosophische Tragweite den individuellen Menschen und seine geistige Entwicklung betrifft. Leid ist demnach weder Strafe Gottes, noch Zufall, noch ein freiwillig gewähltes Schicksal. Es ist eine Reaktion, die mit unserem eigenen vergangenen Tun und somit mit unserer Entwicklung zu tun hat. Diese philosophische Erklärung kann jedoch nicht als moralische oder politische Waffe dienen, die es einem Menschen erlauben könnte, sich über andere zu erheben oder ihnen gar Leid zu verursachen.

Gerade bei Ereignisse wie dem Holocaust entflammen heftige Diskussionen darüber, ob die Karmalehre menschenverachtende Aspekte beinhalte. Meist werden diese Diskussionen jedoch von einem politischen oder sozial-politischen Standpunkt aus geführt und vernachlässigen daher völlig den eigentlich wesentlichen philosophischen Kern der Karma-Lehre. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, der Holocaust innerhalb der jüdischen Bevölkerung einen traumatischen Schock hinterlassen hat, setzen sich in neuerer Zeit immer mehr Betroffene mit diesem Thema auseinander. Es lässt aufhorchen, dass Menschen, die von Rückerinnerung an eine frühere Existenz im Holocaust erzählen, auf die geistige Bedeutung hinweisen, welche diese Erfahrung für ihre individuelle Entwicklung hat und ihnen hilft, das Trauma des Holocaust zu überwinden.

Ich masse mir nicht an, diese Thema abschliessend zu beurteilen, möchte jedoch zumindest auf die Arbeiten des chassidischen Rabbi Yonassan Gershom hinweisen, der in seinen Büchern immer wieder auf diese geistige Bedetung der Reinkarnation und des Holocaust zu sprechen kommt. Er schreibt: "Wir stehen dem Holocaust immer noch zu nahe, um seine 'wahre geistige Bedeutung' erkennen zu können, und ich gehöre zu denen, die dogmatische Aussagen – ob von New Age oder anderer Seite – über das Holocaust-Karma lieber vermeiden ... Warum ist es zum Holocaust gekommen? Es gibt unmöglich nur eine Antwort – gewissermassen eine Patentantwort, mit der wir die Sache ein für allemal erledigen könnten. War es die Tilgung einer karmischen Schuld, eine göttliche Strafe, ein Lernvorgang, die Erfüllung einer Prophezeiung, ein Massenmartyrium oder die Geburtswehen des Messianischen Zeitaltes? Könnten all diese Erklärungen in verschiedenen Fällen ein gewises Mass an Wahrheit enthalten? - Vielleicht liegt die Antwort gerade im Prozess des Fragens. Wie ein Zen-Koan zwingt uns die Frage 'Warum der Holocaust?' dazu, unser Herz immer wieder von neuem und von allen Seiten zu erforschen. Jedes Mal, wenn wir uns die Frage neu stellen, brechen wir durch eine Schicht alter Gedankenformen und stehen der Welt in neuer Art gegenüber." (Kehren die Opfer des Holocaust wieder? Verlag am Goetheanum, Dornach 1997, S. 235).

In den Erinnerungen der Menschen, die bei ihm – dem Rabbi – Hilfe suchen, kommt in immer wiederkehrender Deutlichkeit die geistige Bedeutung der Erfahrung für die individuelle Person und ihre Entwicklung zum Ausdruck. So schreibt eine der Personen: "Heute bin ich meinem geistigen Weg stärker verplichtet, als je. Ich versuche, meine Entscheidungen ganz bewusst zu treffen und mir über die Folgen jeder Handlung Rechenschaft zu geben .... Im täglichen Leben bemühe ich mich darum, den Leute zu verzeihen, die mich verletzen. Dies ist nie leicht, aber es lohnt sich. Obwohl sich meine Beziehung zu Gott und der geistigen Welt weiterentwickelt, wird sich etwas nie ändern: Ich werde immer überzeugt sein, dass es notwendig ist zu verzeihen, um über das Böse zu triumphieren." (S. 332)

Im vedischen Karmaverständnis wird ein leidvoller Umstand nicht einfach als isolierter Punkt, sondern als Punkt in einer Linie verstanden. Daraus leitet sich die Einstellung zur Situation ab:
Auseinandersetzung mit der Situation und nicht Schuldzuweisung an Gott, den Zufall oder die böse Umwelt usw.

Das Leid, das mir wiederfährt, hat demnach in irgendeiner Form mit mir persönlich zu tun, ist etwas, das mir zu-fällt (weil es in irgendeiner Form von mir erzeugt wurde) und mit meiner Entwicklung der Sinnfindung – in einer Linie meiner persönlichen Handlungen und Wünsche - zusammenhängt

Dieses Verständnis lädt dazu ein, jede Situation als Teil (Folge und Fortsetzung) des eigenen Weges durch die materielle Welt zu sehen und nicht als willkürliches, sinnloses oder zufälliges Ereignis.

Die Möglichkeit zur inneren Entwicklung besteht unabhängig davon, ob jemand sich bewusst an seine Erfahrungen erinnern kann oder nicht. Jede Erfahrung hat potentiell einen Einfluss auf das Lebewesen. Unzählige Erfahrungen dieses Lebens tragen dazu bei, zu der Persönlichkeit zu werden, die man in der Gegenwart ist, obschon sie konkret nicht mehr alle erinnert werden können. So können wir beispielsweise lesen, schreiben und rechnen, obschon wir die einzelnen Vorgänge, die zur Erlernung derselben führten, vergessen haben mögen. Ähnlich verhält es sich mit Erfahrungen aus vergangenen Leben, an welche das Lebewesen keine direkte Erinnerung mehr hat.

"Die harten Erfahrungen, die ich hatte machen müssen, verdüstern mein Dasein nicht mehr mit Trauer und Schmerz. Statt dessen haben sie sich im Lauf der Jahre zu Erkenntnis, Toleranz und Verständnis – und hie und da ein bisschen Weisheit – verwandelt." (Rabbi Gershom in: Kehren die Opfer des Holocaust wieder? Verlag am Goetheanum, Dornach 1997, S. 352).




 
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