Ein hoffnungsloser Fall - Namaste

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Ein hoffnungsloser Fall

Bunte Geschichten aus der Welt

Bekannt ist in Indien die Geschichte der Vrinda devi, vor deren Liebe sogar die Quelle aller Liebe, Narayana, kapitulierte. Im göttlichen Spiel nimmt Vrinda devi schliesslich die Gestalt eines kleinen Strauches mit unscheinbaren Blättern an - Tulasi devi. So gilt Tulasi den Indern seit unvordenklicher Zeit als eine Offenbarung der Kraft göttlicher Gnade - und voll Hoffnung beten sie zu ihr:

“Nicht Baum bist du, doch Baumgestalt.
Vernichte alles, was Baumnatur in mir ist.”


Vor langer Zeit lebte in einer gar kargen Ecke Indiens ein verruchter Sünder und Bandit. Zeit seines Lebens hatte er sich genommen, was immer ihm gefiel. Doch auch für ihn kam die Zeit, da er sein Leben aushauchen sollte. Ihn grauste, als er von weitem die Schergen des Königs des Todes, Yamaraja, nahen sah. Gar fürchterlich sahen sie aus, mit ihren Frazen und feurigen Augen. Ihn überfiel die Not und schaudernd sehnte er Hilfe herbei. Schon packten ihn die Yamadutas, als er sie um einen letzten Wunsch anflehte. Die Yamadutas wollten ihm diesen nicht abschlagen und so sprach er zu ihnen: “Lasst mich ein letztes Mal in Wonne eine verruchte Tat begehen. Ich sehe dort eine Tulasi Pflanze stehen. Ich kenne nichts, was heilig wäre. Drum lasst mich auf sie urinieren!”

Die Yamadutas sprachen zueinander: “Am Schluss seines Lebens krönt er sein ruchloses Tun mit einer Untat, wie es sich ihm geziemt. Kein Mitleid wird ihn danach noch retten können,” und wollten ihn gewähren lassen. So trat der Bandit vor die Pflanze hin, doch als die Yamadutas einen Augenblick unachtsam waren, warf er sich der Länge nach hin und klammerte sich an den Tulasi-Strauch.

“He, lass los. Deine Zeit ist reif. Du kommst jetzt mit uns,” brüllten die Yamadutas. Doch sie wagten nicht, den Mann wegzuschleppen, da sonst der Tulasi Pflanze Schaden drohte. Weder mit Drohen, noch mit Schimpfen noch mit ernsten Worten konnten sie den Sünder dazu bewegen, den Tulasi-Strauch loszulassen. So kamen sie überein, die Pflanze auszugraben, und die beiden gemeinsam auf einer Sänfte zu ihrem Herrn, dem König des Todes zu bringen. Yamaraja würde bestimmt wissen, was in einem solchen Fall zu tun sei.

Schon bevor sie bei Yamaraja eintrafen, erreichte diesen die Botschaft von der kuriosen Reisegesellschaft, die sich auf dem Weg zu ihm befand. Seine gefürchteten Schergen trugen ganz sanft den Sünder und die Tulasi Pflanze in der Sänfte durchs ganze Land bis ins Reich des Todes. Als sie ankamen, erzählten sie ihrem König, was geschehen war. “Oh, Yamaraja. Du weisst bestimmt, was nun zu tun ist. Wie lauten deine Anweisungen”, fragten sie gespannt. Doch auch für Yamaraja war ein solcher Fall neu und er wusste sich nicht zu helfen. Denn er konnte den Banditen nicht seiner Strafe zuführen, ohne dabei der Tulasi-Pflanze Schaden zuzufügen.
“Lasst uns Brahma, den Schöpfer des Universums, um Rat fragen. Er ist ein weiser Mann und wird bestimmt Rat wissen”, entschied Yamaraja. Er setzte sich an die Spitze des Zuges, und machte sich auf den Weg zu Brahma.

Es verwundert nicht, dass ein jeder, der diese eigenartige Gesellschaft sah, teils verwundert, teils erschreckt fragte, was den vorgefallen sei. So erreichte auch Brahma die Kunde längst bevor Yamaraja mit seinen Gesellen im Schlepptau, und der Tulasi-Pflanze und dem Sünder in der Sänfte bei ihm ankamen. Brahma hatte es kaum glauben können, doch erzählte ihm nun Yamaraja die ganze Geschichte. “Mein lieber Brahma, du Erster unter allen. Bestimmt weisst du, was zu tun ist.”

Doch auch Brahma verblieb ratlos. “Lasst uns zu Shiva, dem Vernichter des Universums gehen. Seine Weisheit ist grenzenlos. Bestimmt wird er wissen, was zu tun ist,” sagte er schliesslich. Er stand von seinem Sitz auf und in Begleitung vieler seiner Gefährten wies er an der Spitze des Zuges den Weg zu Shiva.

In seinem Reich war Shiva in Meditation vertieft, als die Gruppe bei ihm ankam. Er wunderte sich, als er Brahma mit vielen edlen Gefolgsleuten, dahinter Yamaraja mit den Yamadutas und schliesslich die Sänfte mit dem Banditen und der Tulasi-Pflanze darauf ankommen sah.

Ehrerbietig grüsste ihn Brahma und schilderte ihm den Vorfall. “Sag uns bitte, was jetzt zu tun ist,” forderte Brahma den Shiva auf. Doch trotz aller Weisheit wusste auch Shiva nicht, wie mit dieser Situation umzugehen sei. “Lasst uns Sri Vishnu, den Erhalter des Universums, um Hilfe fragen. Er ist der Meister aller, und wird wissen, was zu tun ist.”

Shiva unterbrach seine Meditation und führte nun zusammen mit einigen seiner Gefährten die ganze Gesellschaft an. So erreichte die Gruppe, die inzwischen zu einem ansehnlichen Menschenzug angewachsen war, schliesslich Shri Vishnus Residenz, der sie ob des ungewohnten Bildes lachend empfing. Sogleich schilderte Shiva ihm das Problem und endete schliesslich gespannt: “Sag uns nun, was ist das Ergebnis davon, dass dieser Bandit sich bei Tulasi festgeklammert hat, um den Früchten seiner Untaten zu entgehen.”

Immer noch lachend entgegnete Shri Vishnu: “Was das Resultat ist, dass dieser Bandit sich an Tulasi festgeklammert hat und nicht mehr loslassen will? Ja, seht ihr es denn nicht? Das Ergebnis ist, dass alle hohen und geachteten Männer dieses Universums diesen Sünder begleiten und auf einer Sänfte in Gottes Reich der Liebe tragen.”
 
renate.kaderli (K-Affe) ourswiss (Punkt) ch
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