Eine Frage zum religiösen Tieropfer - Namaste

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Eine Frage zum religiösen Tieropfer

Tiere achten - nicht schlachten
Frage: Weil in den indischen Religionen die Achtung aller Lebewesen ein so hoher Grundsatz ist , zieht es mich sehr stark dorthin. Vielen geht es ebenso wie mir.

Und da wende ich mich jetzt mit einer Bitte an Euch:

Im Katalog 1999 des DAV Summit Club “Bergsteigen weltweit” ist auf Seite 172 (Nepal) folgendes angeboten:
“Kulturwanderungen im Kathmandu-Tal ... Ihr Führer ... macht Sie mit der Lebensweise der hinduistischen und buddhistischen Bevölkerung vertraut. ... Zum Auftakt wandern Sie auf dem Bergrücken Chawkhel Dara, 1850 m, zum Dakshin Kali-Tempel. Hier residiert Kali, die Göttin der Tapferkeit und des Sieges über das Böse. Ihr zu Ehren werden jeden Dienstag und Samstag Tieropfer dargebracht. ...”.

Und da höre ich nun von anderen: “Diese höhere Achtung der anderen Lebewesen steht also auch nur auf dem Papier.”

Ich versuche, mit dem Hinweis dagegenzuhalten, daß religiöse Riten eben etwas anders zu bewerten sind als der brutale Mißbrauch des Lebendigen aus Geldgier, Gleichgültigkeit oder zu perverser “Belustigung”. Aber glücklich bin ich damit nicht, denn ich bin auch ein entschiedener Gegner des Schächtens. Ich überlege hin und her, wie es zu erreichen wäre, diese Tieropfer in Symbolhandlungen zu transformieren, bei denen keinem Leben Leid geschieht. In Nepal macht man sich wohl keine Vorstellung davon, wieviel ideeller Boden dadurch verloren wird.


Antwort: Erstmal vielen Dank für deine Anfrage. Wie du eingangs selber erwähnt hast, handelt es sich um indische Religionen. Der Begriff indische Religionen oder auch Hinduismus unter dem wir es gewohnt sind, alles in ein Päckchen zu schnüren, umfasst ein Gemisch verschiedenster Glaubensüberzeugungen.

Geprägt wurde dieser Begriff erstmals im 7. Jahrhundert von den islamischen Moguls. Sie bezeichneten alles, was sich jenseits ihres Einflussgebietes, d. h. alles jenseits des Flusses Sindh als Sindhus, woraus dann die Hindus entstanden. Darunter fallen dann eben Kali-Verehrer genauso wie Vaishnavas (Verehrer Vishnus). Das als grundsätzliche Erklärung dafür, dass es sich beim Hinduismus nicht einfach um EINE Lehre handelt, der grundsätzlich die höhere Achtung gegenüber anderen Lebewesen eigen wäre.

Nun konkret zu den Tieropfern. Meines Erachtens sind diese Tieropfer nicht in Symbolhandlungen zu transformieren, obwohl sie in den alten Schriften aufgeführt und empfohlen sind. Zum besseren Verständnis meiner Ansicht hole ich etwas aus.

Ein Teil der vedischen Schriften ist als karma-kanda Teil bekannt. In diesem Teil werden verschiedene Opfer, Riten, Hymnen etc. vorgestellt, die dem Menschen helfen sollen, seine Wünsche zu erfüllen. Diese Wünsche werden grundsätzlich in vier Zielrichtungen eingeteilt:
dharma = Religion
artha = Reichtum, Ansehen
kama = Sinnenbefriedigung
moksa = Befreiung aus der Wandelwelt der Wiedergeburt

Nach indischem Verständnis beruht der Erziehungsplan der Shastras auf Opfer. So wird in Indien beispielsweise die grosse Devi (für sie gibt es verschiedene Namen wie Kali, Durga, usw.) als die grosse Mutter, die Gewährerin aller vergänglicher Gaben verehrt, die Glück (in der Liebe, Familie etc.), Kinder, gute Gesundheit, ein langes Leben, Geld, Ansehen, Macht schenken kann. Der ursprüngliche Grundgedanke dabei ist, dass jemandem, der sehr an diesen Dingen hängt und sein Verständnis anderen Werten gegenüber verschliesst, empfohlen wird, der Gottheit im Tempel entsprechende Opfergaben und Gebete darzubringen, um das Gewünschte zu erlangen. Dadurch, dass der Mensch seine Wünsche durch ein Opfer zu verwirklichen sucht, anstelle sich beispielsweise allerlei Tricks zu bedienen (Gaunereien, Betrügereien kurz: von der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit abzuweichen) oder sich eine Ellenbogenmentalität zulegt, kann er mit der Zeit diese Wünsche überwinden.

Die Tieropfer werden aus diesen Teilen der Veden abgeleitet. Die Überlieferung erzählt nämlich, dass in früheren Zeiten befähigte Brahmanen solche Tieropfer durchführten, um dadurch den Segen der Götter für die gesamte Schöpfung (Mensch, Tier, Pflanze) herbeizurufen. Diese Tieropfer werden jedoch nicht einfach als Schlachtszenen beschrieben - wie wir es heute eben mitverfolgen können. Vielmehr wurden diese Brahmanen deshalb als befähigt bezeichnet, weil sie in der Lage waren, durch ihre Verwirklichung der Kraft des Mantras, eben genau durch diese göttlichen Mantras dem Opfertier vor den Augen aller Anwesenden ein neues Leben zu schenken. Da wurde also beispielsweise eine Kuh im Feuer geopfert und dem heiligen Feuer entstieg ein Kälbchen. Dieses Opfer ist jedoch nur für frühere Zeitalter empfohlen und für unser Zeitalter verboten - das Kali-Yuga-Zeitalter (Zeitalter des Streites und der Heuchelei), das nach vedischer Ansicht vor 5000 Jahren begann.

Die Befähigung der Brahmanen schwand nach und nach, doch niemand hielt sich an das Verbot von Tieropfern. Vielmehr wurden im Laufe der Zeit unter dem Vorwand vedischer Opferdarbringung, Tempel in Schlachthäuser verwandelt, in denen Tiere ohne grosse Einschränkungen getötet und ihr Fleisch verzehrt werden konnte.

Tatsächlich gilt in der vedischen Überlieferung Buddha (5. Jh. v. Chr.) als ein Avatar, der kam, um die Tieropfer zu beenden. Er lehnte zu diesem Zwecke die vedische Kultur vollumfänglich ab, denn er sah, dass sie zu sehr degeneriert war, um das eigentliche Verständnis wieder sichtbar zu machen. Er handelte entsprechend dem Gedanken, dass es manchmal einfacher ist, ein neues Haus zu bauen, als ein altes herzurichten. So predigte er unter anderem 'ahimsa': Gewaltlosigkeit. Auf dieser Grundlage erschien im 8. Jhr. n. Chr. ein weiterer Avatar (Shankar Acharya), der die Menschen sozusagen über Umwege wieder zu den Veden führte.

Ein kleines für mich interessantes Detail:
In der westlichen Religionswissenschaft wird der Buddhismus als eines der unorthodoxen indischen Systeme aufgeführt - da Buddha die Veden ablehnte.
Doch in der vedischen Überlieferung selbst wird Buddha als ein Avatar verehrt, der kam, um diejenigen zu täuschen, welche die Veden missbrauchten, sie letztlich zu berichtigen und zum eigentlichen Veda zurückzuführen.

Schlussfolgerung: die heutigen Tieropfer sind keine heiligen Symbolhandlungen, sondern nur noch eine Entartung/Degeneration des alten Systems.



 
renate.kaderli (K-Affe) ourswiss (Punkt) ch
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