Tiere - Meine Brüder - Namaste

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Tiere - Meine Brüder

Tiere achten - nicht schlachten
Ein eindrückliches Beispiel jüdischer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und welche persönlichen Auswirkungen dies haben kann, gibt Edgar Kupfer-Koberwitz. Er war 1940 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert worden. In seinen letzten drei Jahren in Dachau war er in der Verwaltung der Lagerhallen des Konzentrationslagers beschäftigt. Diese Stelle ermöglichte es ihm, ein geheimes Tagebuch mit Hilfe gestohlener Papierstreifen und Bleistiftstummeln zu führen. Er vergrub seine Aufzeichnungen und barg sie wieder, nachdem Dachau am 29. April 1945 befreit wurde. Auf der Grundlage dieser Aufzeichnungen verfasste er später ein Essay über Vegetarismus: "Animals, My Brethren". Nachfolgender Auszug stammt aus diesem Essay. Es befindet sich zusammen mit den Originalen der "Dachauer-Tagebücher" in der "Special Collection" der Universität von Chicago:

"Das folgende wurde im KZ Dachau inmitten aller erdenklichen Grausamkeiten geschrieben. Es wurde heimlich in einer Krankenbaracke aufgezeichnet, in der ich während meiner Erkrankung untergebracht war; zu einer Zeit als der Tod tagtäglich nach uns griff und wir zwölftausend innerhalb viereinhalb Monaten verloren.


Lieber Freund,

Du hast mich gefragt, warum ich kein Fleisch esse, und Du fragst Dich, welches die Gründe für mein Verhalten sind. Vielleicht denkst Du, ich hätte einen Schwur geleistet - eine Art Reue mit dem ich mich der grossen Freude Fleisch zu essen entsage.

Ich weigere mich Tiere zu essen, weil ich mich nicht von anderen Lebewesen, die gelitten haben und getötet wurden, ernähren kann. Ich weigere mich dies zu tun, weil ich selbst so schmerzensreich gelitten habe, dass ich den Schmerz anderer fühle, wenn ich mich meiner eigenen Leiden erinnere.

Ich fühle mich glücklich, wenn niemand mich verfolgt; warum soll ich andere Lebewesen verfolgen oder der Grund ihrer Verfolgung sein?

Ich fühle mich glücklich, wenn ich kein Gefangener bin, sondern frei; warum sollte ich die Ursache dafür sein, dass andere Lebewesen zu Gefangenen und ins Gefängnis gebracht werden?

Ich fühle mich glücklich, wenn mir niemand Schaden zufügt; warum sollte ich anderen Lebewesen schaden oder ihnen Leid zufügen lassen?

Ich fühle mich glücklich, wenn niemand mich verletzt oder mich umbringt; warum sollte ich andere Lebewesen verletzen oder töten oder der Grund dafür sein, dass sie zu meiner Zufriedenheit und Bequemlichkeit verletzt oder getötet werden?

Ist es nicht völlig natürlich, dass ich anderen Geschöpfen nichts aufbürde, das ich fürchte und von dem ich hoffe, dass es niemals mir aufgebürdet wird?

Wäre es nicht höchst unfair, nur um eines flackerhaften körperlichen Genusses willens, solche Dinge zu tun, die das Leiden und den Tod anderer kosten?

Diese Lebewesen sind kleiner und hilfloser als ich es bin, aber kannst Du Dir einen vernünftigen Menschen mit edlen Gefühlen vorstellen, der aus diesem Unterschied bereitwillig den Anspruch oder das Recht ableitet, die Schwäche und die Hilflosigkeit anderer auszunutzen? Glaubst Du nicht, dass es gerade des Grösseren, des Stärkeren, des Mächtigeren Pflicht ist, die schwächeren Lebewesen zu schützen, statt sie zu verfolgen, statt sie zu töten? "Noblesse oblige" und ich möchte nobel handeln.

Ich glaube, dass Menschen solange getötet und gefoltert werden, als Tiere gequält und getötet werden. Genausolange wird es auch weiterhin Kriege geben. Denn das Töten muss an kleinen Objekten geübt und perfektioniert werden - moralisch und technisch. Ich sehe keinen Grund, mich über das Tun anderer zu empören, weder über ihre grossen noch über ihre kleinen Werke der Gewalt und Grausamkeit. Aber ich denke, es ist höchste Zeit, über all die kleinen und grossen Gewalttaten und Grausamkeiten entrüstet zu sein, die wir selbst begehen.

Da es viel einfacher ist, die kleinen Schlachten zu gewinnen, statt der grossen, denke ich, sollten wir erst versuchen, im kleinen unsere eigene Neigung zu Gewalttaten und Grausamkeiten zu verringern, zu vermeiden, oder besser noch, sie ein für alle Mal zu überwinden. Dann wird die Zeit kommen, da es uns leicht fallen wird zu kämpfen und auf diese Weise sogar die grossen Grausamkeiten zu überwinden.

Doch wir verharren immer noch - wir alle - in unseren Gewohnheiten und ererbten Haltungen. Sie umgeben uns wie eine fette, saftige Sauce, die uns hilft, unsere eigene Grausamkeit hinunterzuschlucken, ohne ihre Bitterkeit kosten zu müssen.

Ich habe nicht die Absicht, mit meinem Finger auf dieses oder jenes zu zeigen, auf bestimmte Personen und bestimmte Situationen. Ich denke, es ist vielmehr meine Pflicht, mein eigenes Bewusstsein in kleineren Dingen wachzurütteln, zu versuchen, andere Menschen besser zu verstehen, selbst besser zu werden und weniger selbstsüchtig. Weshalb sollte es dann nicht möglich sein, auch dementsprechend zu handeln, wenn es um grössere Angelegenheiten geht?

Das ist der Punkt: Ich wünsche mir, in einer besseren Welt aufzuwachsen, in der ein höheres Gesetz mehr Freude gewährt - in einer neuen Welt, in der Gottes Gebot regiert:

Du sollst einen jeden lieben!"



 
renate.kaderli (K-Affe) ourswiss (Punkt) ch
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