Vegetarismus im Buddhismus - Namaste

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Vegetarismus im Buddhismus

Tiere achten - nicht schlachten
Den Wesen allen soll man Frieden wünschen,
Glück für ihr Herz, Glück für ihr ganzes Leben.
Wie immer die Gestalt der Wesen ist:
Ob klein, ob gross, ob lang, ob kurz,
Ob stark, ob schwach, ob grob oder ob zart,
Ob sie uns sichtbar sind, ob unsichtbar,
Ob fern sie weilen oder nah uns sind,
Ob sie entstanden sind, ob sie ins Dasein streben,
Sie alle mögen glücklich sein!
Wie eine Mutter während ihres ganzen Daseins
Ihr einzig Kind beschützt mit ihrem Leben,
So möge man jedwedem Wesen gegenüber
Den Geist mit grenzenloser Güte füllen!
(Sutta-nipata 149bis – Buddhistischer Lehrtext)


Erstaunlich und kontrovers zeigt sich seit dem Erscheinen des als Gautama bekannten Buddhas vor etwa 500 v. Chr. die Entwicklung der vegetarischen Lebensweise innerhalb des Buddhismus. Nachfolger und Forscher weisen nachdrücklich darauf hin, dass Buddha die Autorität des Veda und die sich daraus ableitende Autorität der Priesterklasse nachdrücklich ablehnte. Der Buddhismus wird daher zu den nichtorthodoxen östlichen Systemen gezählt, dessen Philosophie nicht auf der Autorität des Veda aufbaut.

Demgegenüber preist der Veda das Erscheinen Buddhas als einem der göttlichen Avatara. Der Zweck seines Escheinens liegt darin, der fortschreitenden Degeneration des vedischen Systems ein Ende zu bereiten, indem er die Ausbeuter über den Umweg der völligen Ablehnung des Veda, wieder zu dessen ursprünglichen Botschaft zurückleitet.

Die Priesterklasse missbrauchte zu jener Zeit ihre Macht schamlos und hatte so das Heil vedischer Unterweisung ins Gegenteil verkehrt. In dieser Form unterwiesen sie auch die Masse der Menschen, die ohne grosses Hinterfragen nachfolgte. So wurden etwa unter dem Vorwand vedische Opfer durchzuführen, die vedischen Tempel in Schlachthäuser verfwandelt und auf diese Weise das Töten von Tieren im grossem Umfang eingeführt. Den Menschen konnte so der Fleischkonsum unter dem Mantel des religiösen Opfers nahegebracht werden. Der Veda beschreibt nun den neunten Avatara als den "Buddha, der aus Mitleid mit den Leiden der Tiere, die Opfergebote der Veden verurteilte." Er predigte Gewaltlosigkeit und er lehnte dabei den Veda gänzlich ab, da es nicht nur hinsichtlich des Schlachtens von Tieren einfacher erschien, ein neues Haus aufzubauen, als ein altes Haus herzurichten, das völlig zweckentfremdet war.

Im Gegensatz zu diesem klaren vedischen Verständnis der Botschaft Buddhas, der Gewaltlosigkeit predigte, hat sich im Buddhismus während der letzten 2500 Jahre Entwicklung keine klare Absage an den Verzehr von geschlachteten Tieren durchgesetzt. Uneinigkeit besteht bereits darüber, ob der historische Buddha Fleisch gegessen habe oder nicht. Die Überlieferung erzählt, der Buddha sei nach dem Verzehr von 'sukaramaddava' gestorben. Dieser Begriff kann sowohl für Eberfleisch, als auch für eine von Schweinen bevorzugte Trüffelart verwendet werden. Je nach Auffassung der verschiedenen Autoren, ist Buddha demnach an einem Stück verdorbenem Schweinefleisch oder an einem giftigen Pilz gestorben.

Betrachtet man die Unterweisung des Buddha, scheint die Interpretation des verdorbenen Schweinefleisches weit hergeholt. Eines der vier grossen Gebote Buddhas für die Mönche lautet, kein lebendes Wesen, und wäre es ein Wurm oder eine Ameise, des Lebens zu berauben. Einige buddhistische Traditionen stellen nun diesem Gebot des "Nicht-Tötens" das Gebot des "dankbar Empfangens, was gegeben wird" entgegen. Sie argumentieren, da das Tier nicht speziell für sie getötet wurde, widerspreche der Verzehr seines Fleisches Buddhas Gebot nicht. Bei näherer Betrachtung erweist sich jedoch die Argumentation des "dankbar Empfangens" als sehr zweischneidig. So ist es in Ländern, in denen die buddhistische Tradition sehr verbreitet ist, nicht ungewöhnlich, zu versuchen sich heilsame Aspekte für seine weitere Existenz zu verschaffen, indem den Mönchen spezielle Almosen (eben auch Leckerbissen in der Form von Fleisch) gegeben werden. Der Mönch, der diesem Versuch der besonderen Gastfreundlichkeit nicht Einhalt gebietet, fördert dadurch nicht nur die Praxis des Tiere Tötens, sondern wiegt den Spender in der Hoffnung, sich durch das Töten und Verschenken eines Tieres, heilsames Karma zu verschaffen.

Diese Inkonsequenz treibt jedoch noch sonderbarere Blüten. Einerseits wird den vielen buddhistischen Zitaten Rechnung getragen, welche direkt oder indirekt ein grundsätzliches Tötungsverbot darstellen. Anhänger des Lamaismus töten aus diesem Grunde keine Tiere, dennoch gibt es kaum Vegetarier in diesem Land, da mit dem Hinweis auf die klimatischen Verhältnisse das Essen von Fleisch erlaubt und üblich ist. Im alten Tibet waren es dann auch vorwiegend Mohammedaner, welche für die Schlachtung zuständig waren. Damit wird bewusst das mit dem Fleischverzehr verbundene Töten der Tiere samt der karmischen Folgen anderen Volksgruppen auferlegt. Denn nach buddhistischer Lehre lädt der Metzger unheilsames Karma auf sich, welches zu einer Wiedergeburt in negativen Existenzbereichen (unglückliche menschliche Bedingungen, Höllenwelten, als Geist, Tier usw.) führen kann. Die Metzger übernehmen im Gesellschaftssystem die Rolle des Sündenbockes, während der so handelnde Buddhist seine Hände in Unschuld wäscht, und argumentiert, er hätte den Tod des Tieres nicht beabsichtigt. Diese Argumentation ist selbst bei Exiltibetern nicht ungewöhnlich, obschon diese sich längst nicht mehr auf die schwierigen klimatischen Verhältnisse des Tibet beziehen können.

Doch auch der moderne Buddhismus kommt an dieser Problematik nicht vorbei. Ein Buddhist, der im Geschäft oder Restaurant ein Stück Fleisch bestellt, das ja nicht speziell für ihn getötet wurde, verlangt trotzdem mit seiner Entlöhnung von Geld das Töten von weiteren Tieren. Auch er nimmt es bewusst in Kauf, dass andere unheilsames Karma auf sich laden, weil er sich in seinen Essgewohnheiten nicht verändern will.

Wie bereits erwähnt, finden sich in vielen buddhistischen Texten wie beispielsweise den Mahayana-Sutren unmissverständliche Verbote, die keinen Interpretationsspielraum zulassen: "Um keine Lebewesen zu schrecken, soll ein 'bodhisattva' (wörtl. Erleuchtungswesen), der sich dem Mitgefühl auch als Selbstdisziplin unterwirft, kein Fleisch essen.... Es ist nicht wahr, dass Fleisch richtige und erlaubte Nahrung ist, wenn das Tier nicht von ihm selbst getötet wurde, wenn er andere nicht beauftragt hat, es zu töten, wenn es (das Töten des Tieres) nicht speziell für ihn erfolgt ist ... Es mag in Zukunft Menschen geben, die ... unter dem Einfluss ihres Verlangens nach Fleisch viele ausgeklügelte Argumente auf die verschiedensten Arten hervorbringen, um den Fleischverzehr zu rechtfertigen ... Aber ... der Fleischverzehr in jeder Form, auf jede Art und Weise, ist überall und ohne Ausnahme und für immer verboten ... . Ich habe niemandem das Fleischessen erlaubt, ich erlaube es nicht und ich werde es nicht erlauben." (Lankavatara-Sutra in Die Erde bewirtet euch festlich, Steven Rosen, 1992, S. 103).

Im Surangama-Sutra findet sich eine weitere Aussage, die an Deutlichkeit nichts vermissen lässt: "...wenn wir das Fleisch anderer Lebewesen essen, zerstören wir den Samen des Mitgefühls..." und "...Motivation und Ziel unseres Bemühens ist das Überwinden des Leidens. Wenn wir selber das Leiden überwinden wollen, warum sollen wir es dann anderen zufügen? Wenn Du Deinen Geist nicht so weit bringst, dass er selbst den Gedanken an Gewalt und Töten verabscheut, wirst Du Dich von den Fesseln dieser Welt nie befreien ... Nach meinem Parinirvana, im letzten Zeitalter, werden überall falsche Propheten auftauchen und Menschen in die Irre führen, indem sie verkünden, Befreiung sei mit Fleischessen vereinbar. Wie kann ein Bodhisattva, welcher sein Leben dem Wohlergehen aller widmet, sich vom Fleisch anderer fühlender Wesen ernähren?"

So kommt auch der Buddhist nicht an der Frage vorbei: Wie kann ich die Lehre Buddhas über das Erkennen und Vermeiden von Leid und Unrecht, in meinem praktischen Leben umsetzen?

In den drei Nächten, die der Buddha in Versenkung unter dem Bodhibaum verbrachte, überschaute er in der ersten Nachtwache all seine früheren Geburten, in der zweiten überschaute er die Geburten und Wanderungen aller Wesen durch Himmel, Erde und Hölle und in der dritten erkannte er die vier heiligen Wahrheiten:
  • Dukha, die Wahrheit vom Leiden
  • Samudaya, die Wahrheit von der Ursache des Leidens
  • Nirodha, die Wahrheit von der Aufhebung es Leidens
  • Ashtangika-Marga, die Wahrheit vom Wege der Aufhebung des Leidens

Alles Dasein ist leidvoll, da es unweigerlich Alter, Krankheit und Tod unterworfen ist. Dukha ist aber auch das Leid der Tiere in Tierfabriken, Tiertransporten und Massenschlachtungen. Dukha ist das Leid der Menschen und Tiere, deren Lebensraum durch Weiden und Monokulturen zerstört wird. Und Dukha ist auch das Leid aller, wenn das Klima, die Luft, die Wälder, die Erde und das Wasser durch die Ausbeutung der industriellen Fleischproduktion zerstört werden.

Ursache dieses Leidens ist der Durst nach Tierfleisch, um der Zunge oder der Gewohnheit willen. Ursache ist auch der Durst nach Geld, denn die Fleischindustrie ist ein Riesengeschäft, an dem die Metzger und Verkäufer bloss einen kleinen Anteil haben, im Vergleich etwa zu:
  • den Spekulanten, welche sich das System der Subventionen zu Nutze machen und Zehntausende von Tieren von einem Ende Europas bis ans andere oder gar nach Afrika liefern
  • den Chemiekonzernen, welche Tonnen von Dünger, Fungiziden und Pestiziden an die Betreiber der riesigen Monokulturen liefern können
  • den Forschungsbetrieben, die etwa in den Sojaplantagen Argentiniens ein breites Spielfeld für ihre gentechnisch veränderten Produkte finden

Ursache dieses Leidens ist auch der Durst nach Macht der Eroberer, die das Instrument der Weidewirtschaft dafür einsetzen, der Urbevölkerung die Lebensgrundlage zu entziehen und sie gefügig zu machen. Argentinien ist eines der grausamsten Beispiele. Dieses oft als "Paradies der Rinder" gerühmte Land, aus dem das einzig garantiert BSE freie Fleisch geliefert werden kann, hat seine Pampa auf dem Blut der einheimischen Indios errichtet. Wo früher Indios lebten, grasen heute Rinderherden, denn von den 34 Mio. Einheimischen, die das Land vor dem von General Julio Argentino Roca gestarteten Massengenozid zählte, leben heute gerade noch 450'000 Indios. Auch an dieser Tatsache kommt der Fleischkonsument nicht vorbei.

Dieses Leid kann durch die Auswurzelung des Durstes (nirodha) aufgehoben werden. Jeder einzelne kann bei sich danach trachten, den Durst, das Begehren zu kontrolliern und zu verringen und so dabei mithelfen, Leiden aufzuheben.

Und schliesslich gibt es einen Weg (Ashtangika-Marga), der zum Erlöschen des Leidens führt. Es ist der achtgliedrige Pfad der Edlen, den Buddha lehrt:
  • Rechtes Glauben. Ein Glaube der sich im eingangs erwähnten täglichen Segensgebet ausdrückt: "Den Wesen allen soll man Frieden wünschen ...." Ein Glaube, der Wohlwollen, Liebe und Freundschaft zu allen Wesen als unabdingbar für die Nachfolge erklärt: "Wie eine Muter ihr eigenes Kind, ihren einzigen Sohn selbst mit ihrem Leben beschützt, also hege der Jünger Buddhas grenzenlose Liebe zu allen Wesen" (Suttanipata 149).
  • Rechtes Denken. Ein Denken, das in der Lage ist, die Lehre des Ursachengesetzes zu erkennen. Wie könnte es den Bruder und die Schwester ungehindert ins Verderben rennen lassen, während es einem selbst ungerechte Taten vermeiden lässt?
  • Rechtes Reden. Gemäss der buddhistischen Überlieferung hörten die Winde auf zu wehen, die Flüsse standen still, das Feuer erlosch, die Saaten keimten nicht mehr und die Vögel hörten auf zu fliegen, als Buddha sich entschloss, das, was er als wahr erkannt hatte, in seinem Herzen zu verschliessen und die Welt davon auszuschliessen. Doch Brahma stieg vom Himmel und appellierte an sein Mitgefühl: "Wenn die Wesen die Predigt der Lehre nicht hören, gehen sie zugrunde..." Und Buddha stimmte zu: "Wer Ohren hat, höre das Wort...". Ist es deshalb richtig, zu schweigen, während Gewohnheiten und Begierden im kleinen wie im grossen Lebewesen und Schöpfung zugrunde gehen lassen?
  • Rechtes Handeln. Ist es rechtes Handeln, dem Bruder oder der Schwester die Bürde des Tötens aufzuerlegen, und seine Hände in Unschuld zu waschen? Ist es rechtes Handeln, durch den Konsum von Fleisch all jene im Fortfahren ihres Tuns zu bestärken, die direkt am Leid der Tiere (und der Menschen) beteiligt sind?
  • Rechtes Leben. An vielen Stellen wird es wiederholt: rechtes Leben heisst selber ein Leben zu führen, das zum Heil für Menschen, Tier und Schöpfung wird. Als Buddha hinscheidet, überschütten ihn zwei Zwillingssalabäume mit einem Blütenregen, während himmlisches Saitenspiel und Gesang ertönen. Doch er weist noch einmal darauf hin: Ehre wird ihm nicht durch Verehrung zu Teil, sondern durch den der Lehre gemässen Wandel seiner Ordensjünger und Laienanhänger.
  • Rechtes Streben. Es ist der Entschluss, den Durst zu entwurzeln, der Grundlage unzähliger Leiden für uns und andere ist. Es ist der Entschluss zu Wohlwollen und Nicht-Schädigung gegenüber allem. Der Buddhist ist generell aufgefordert sein Konsumverhalten zu hinterfragen und zu prüfen. Denn es ist der Pfeil des ständigen Begehrens, des Egoismus, der in der Menschenbrust steckt. Jenseits aller argumentativen Spitzfindigkeit muss das Streben dahingehen, diesen Pfeil herauszuziehen.
  • Rechtes sich Vergegenwärtigen. Es ist das sich Vergegenwärtigen, wo Leid besteht, welches seine Ursachen sind, und wie es vermieden werden kann. Sich zu vergegenwärtigen heisst, nicht die Augen und das Herz zu verschliessen, wenn man neben einem Schlachttransport, einem Schlachthaus oder einer Massentierhaltung vorbeigeht. Es heisst, sich zu vergegenwärtigen, woher das Stück Fleisch stammt, das auf dem Teller liegt -, auch wenn es einem als Gastgeschenk angeboten wird. Die Erkenntnis dieser Zustände, bildet die Motivation, etwas daran zu ändern, soweit man selber daran beteiligt ist oder etwas daran verändern kann. Nicht ohne Grund werden Tierlaboratorien, -transporte, -schlachtung und -haltung hinter hohen Mauern und Sicherheitsvorrichtungen vor den Augen der Öffentlichkeit versteckt. Denn würde der Mensch sich die Situation vergegenwärtigen, in der diese Lebewesen leiden, würde er höchstwahrscheinlich nicht mehr so unvoreingenommen gegenüber der sauber verpackten Fleischauslage im Supermarkt, der fein angerichteten Malzeit und den in unzähligen Tierversuchen erprobten Kosmetika und Pharmaprodukten stehen.
  • Rechtes sich Versenken. Viele Aspekte weist dieses rechte Versenken auf: Aufmerksamkeit, Glaube, Meditation, die Lehre, die Gebote, das Verständnis des Anatman usw. Im buddhistischen Verständnis bedeutet die Erkenntnis des Anatman, von der Illusion eines unabhängigen Selbst befreit zu sein. In diesem Sinne wird die ganze Welt als ein Organismus verstanden. Auf der Grundlage dieses Verständnis wird ein Lebewesen seinem bedrängten Bruder oder seiner Schwester zu Hilfe eilen, ähnlich wie auch die Hand dem bedrängen Fuss zu Hilfe eilt, wenn er in Not ist.


Mit Recht mag hier der Einwand erhoben werden: Buddhismus ist nicht Vegetarismus. Dem stimme ich gerne zu. An dieser Stelle möchte ich jedoch die Antwort des buddhistischen Lehrers Bodhin Kjolhede zitieren, der als Abt eines Zen Klosters in Rochester N.Y. Stellung dazu nahm:

"Zunächst wollen wir der Aussage beipflichten, dass Buddhismus nicht Vegetarismus ist. So wie er nicht 'Tugend', 'Friede', 'Weisheit' oder irgend ein anderes Wort oder Konzept ist. Ihn mit irgend etwas gleichzusetzen heisst, etwas einzuschränken, was im Grunde genommen grenzenlos ist. Tatsächlich ist Buddhismus nicht einmal Buddhismus. Aber jetzt wollen wir den sicheren Hafen der Verneinungen verlassen und uns der lebendigen Praxis zuwenden.

Wie sollen wir die in buddhistischen Tempeln in Indien und überall in den Mahayana-Ländern China, Korea und, bis vor kurzem, Japan, lange gepflegte Tradition verstehen, sich des Fleischgenusses zu enthalten? Waren etwa all diese Generationen von Patriarchen einer kollektiven Selbsttäuschung verfallen? Auch jene, die glauben, Vegetarismus im Kontext der buddhistischen Lehre als nebensächlich abtun zu können, müssen diese Praxis, die Jahrhunderte überdauert hat, zur Kenntnis nehmen. Für Bewohner von Polarregionen wäre Vegetarismus tatsächlich eine Form des Anhaftens - und zwar eine, die sie ihr Leben kosten würde. Auch in Tibet, wo kaum etwas wächst, ist Fleisch praktisch eine Notwendigkeit. Und ebenso in tropischen Entwicklungsländern mit dürftigen Ressourcen und beschränkten Verteilungsmöglichkeiten würde die Aufrechterhaltung einer rein vegetarischen Kostform meist einen unverhältnismässigen Aufwand an Zeit, Energie und Geld erfordern. Jene von uns aber, die in den modernen Industriestaaten Nordamerikas, Europas und Asiens, leben, sind mit einer reichen Auswahl an Nahrungsmitteln gesegnet. Für die meisten von uns ist eine Überfülle an vegetarischen Nahrungsmitteln erhältlich, die uns ein Leben lang robuste Gesundheit garantieren. Wer würde sich angesichts dieser Vielfalt an pflanzlicher Nahrung bewusst dafür entscheiden, Schlachthäuser zu unterstützen und das mit der modernen Massentierhaltung verbundene Elend zu fördern, indem er weiter Fleisch isst?

Da sind einmal jene, die fürchten, dass ohne Fleisch und Fisch ihre Gesundheit leiden könnte (was für eine Ironie!); anderen ist nicht bewusst, in welch enormem Ausmass die Fleischindustrie zum Missbrauch und zur Verschwendung globaler Ressourcen beiträgt. Aber für die meisten Fleischkonsumenten, fürchte ich, ist die Gewohnheit Tiere zu essen, einfach zu angenehm, um damit aufzuhören.

Sie kennen zwar die Gründe, die dafür sprechen würden, den Fleischkonsum aufzugeben, wollen aber nicht. Schlimmer noch, anstatt in diesem Punkt ehrlich zu sich selbst zu sein, verbergen viele ihre wahre Motivation hinter wohlklingenden buddhistischen Konzepten wie dem der 'Nichtanhaftung'. Aber gerade die Fortsetzung der Praxis, Tiere zu essen, obgleich man weiss, dass es unnötig ist, ist gewöhnlich nichts anderes als Anhaften an selbstsüchtigen Vorlieben...

... Mein Lehrer Roshi Kapleau warnte stets: 'Gib nicht das Fleisch auf, lass das Fleisch dich aufgeben.' Wenn eine Ernährungsform, ob nun Vegetarismus oder Makrobiotik, zum Dogma wird, an dem wir hängen und das in uns Selbstgerechtigkeit und die Tendenz zur Verurteilung anderer erweckt, wird sie zur Fessel. Aber man kann auch in der Vorstellung von 'Freiheit' feststecken - und das ist eine Form des Anhaftens, die fühlenden Wesen bei weitem mehr Leid zufügen kann...

... Es ist traurig zu sehen, wie viele amerikanische Buddhisten sich in selbstgerechter Übereinstimmung darüber befinden, Fleisch zu essen. Manche bemühen kühn die Doktrin der Leerheit und beharren darauf, es gäbe weder ein Töten noch ein fühlendes Wesen, das getötet werde. Andere verstecken sich hinter der Entschuldigung, fressen und gefressen werden, entspräche der natürlichen Ordnung der Dinge und schliesslich seien das Leben einer Karotte und das einer Kuh 'gleich' zu bewerten.

Wie dem auch sei, die Wahrheit ist, dass wir Menschen mit Unterscheidungsvermögen begabt sind, das wir dazu nutzen können, ein Bewusstsein für die Konsequenzen unserer Willensakte zu kultivieren und so die Nahrung zu wählen, die das Leiden lebender Wesen minimiert. Unser Bestreben im Mahayana-Buddhismus - insofern man von einem 'Bestreben' sprechen kann - ist es, unser angeborenes Mitgefühl freizusetzen und die bodhisattvischen Gelübde zu erfüllen.

Im ersten dieser Gelübde: "Alle Wesen, unzählig, gelobe ich zu befreien", übertragen wir unser Mitgefühl auf alle Wesen, nicht nur auf Menschen. Das Vermeiden von Fleisch ist ein Weg, diese Verpflichtung für das Wohlergehen anderer Geschöpfe zum Ausdruck zu bringen. Sobald wir eingewurzelte Vorlieben hinter uns lassen und von gewandten Rationalisierungen Abstand nehmen, wird das Thema Vegetarismus zu einer blossen Frage der Notwendigkeit.

Wenn du Fleisch essen musst, um dein Leben zu erhalten, oder in Extremfällen, deine Gesundheit, tu es, und tu es bewusst und dankbar. Wenn nicht, warum zu unnötigem Leiden beitragen?"
Bodhin Kjolhede Sensei ist Dharmanachfolger der Linie Philip Kapleau Roshi, Hakuun Yasutani Roshi, Daiun Harada Roshi


 
renate.kaderli (K-Affe) ourswiss (Punkt) ch
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