Vegetarismus im Islam - Namaste

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Vegetarismus im Islam

Tiere achten - nicht schlachten
Auf den ersten Blick scheint der Vegetarismus im Islam keine grosse Tradition zu haben. Wer seinen Vegetarismus aus den heiligen Schriften des Islam abzuleiten sucht, sieht sich nur allzu oft mit dem Vorwurf konfrontiert, den Islam durch westliche Propaganda untergraben zu wollen. Es wird erklärt, Allah habe bestimmte Tiere als Nahrung für den Menschen geschaffen und auf entspechende Zitate verwiesen, wie etwa: "... und das Vieh hat Er für euch erschaffen. Ihr habt an ihm Wärme und zahlreiche Nutzen; und einiges davon esset ihr" (Koran, An-Nahl 16:5).

Ein anderer Hinweis geht auf eine Erählung Anas Ibn Maliks zurück. Als der Prophet Mohammed mit einigen seiner Gefolgsleute zusammen war, sagte einer von diesen: "Ich werde nie eine Frau heiraten". Ein anderer entgegnete darauf: "Ich werde kein Fleisch essen", worauf sich ein Dritter meldete: "Ich werde nicht in einem Bett schlafen" und ein Weiterer hinzusetzte: "Ich werde fasten und mein Fasten nicht brechen." Als dem Propheten dies zu Ohren kam, pries dieser Allah und führte aus: "Was ist mit den Menschen los, die in dieser Art sprechen? Ich bete und schlafe. Ich faste und ich breche mein Fasten. Und ich heirate Frauen. Wer immer von meinem Sunnah (Weg) abweicht, gehört nicht zu mir." (Erzählt von An-Nassa'i).

Als drittes wird argumentiert, die Tradition des Tieropfers stelle eine Unverzichtbarkeit für den Muslim dar.

Auf der anderen Seite gab und gibt es im Islam eine lebendige vegetarische Tradition. Seit frühster Zeit verstehen verschiedene Strömungen unter den Schiiten und Sufis, den Vegetarismus als die ideale Ernährung des Islam, wie etwa die erste grosse Sufi Heilige Rabi'ah al-'Adaviyah von Basra, Irak (gest. um 800). Sie war es auch, welche die Verehrung Allahs in Frage stellte, die durch den Wunsch nach himmlischen Genüssen oder die Angst vor höllischen Strafen motiviert wurde. Rabi'ah al-'Adaviyah lehrte nachdrücklich, die Liebe zu Gott sei die einzig gültige Form der Anbetung. Die Legende berichtet: "Man sah sie in den Strassen von Basra, eine Fackel in einer, einen Eimer in der anderen Hand tragend; und auf die Frage nach dem Sinn ihres Tuns antwortete sie: 'Ich will Feuer ins Paradies werfen und Wasser in die Hölle giessen, damit diese beiden Schleier verschwinden und niemand mehr Gott anbetet aus Sehnsucht nach dem Paradies oder aus Höllenfurcht, sondern einzig und allein aus Liebe zu Ihm'". (in "Die Religionen der Menschheit", Friedrich Heiler, 6. Aufl. 1999, S. 537)

Ebenfalls nach alter Tradition verhält es sich so, dass in Mekka, dem Geburtsort Mohammeds, keine Kreatur geschlachtet wird, da die Geschöpfe in vollendeter Harmonie leben sollen. Solange ein muslimischer Pilger den Ihram (Pilgermantel) trägt, ist ihm jegliches Töten untersagt, selbst wenn es sich um Mücken, Läuse oder Heuschrecken handelt. Die Wertschätzung des Lebens und das Mitgefühl für alle Geschöpfe als Teil derselben Familie Allahs, wird vielerorts in den islamischen Schriften hervorgehoben.

"Es gibt kein einziges lebendes Tier auf dieser Erde und kein Wesen, das mit der Kraft seiner Flügel fliegt, und nicht auch Teil dieser Gemeinschaft bildet, genau wie du. Wir haben niemanden im Buch (Koran) übergangen, und sie alle sollen am Ende bei ihrem Herrn versammelt sein." (Sura 6.38)

Und Mohammed bekräftigt:
"Alle Geschöpfe gehören wie eine Familie zu Allah. Derjenige ist der Meistgeliebte, der höchstes Mitgefühl für seine Familie hegt." (berichtet von Anas. Mishkat al-Masabhih, 3:1392)

"Eine gute Tat an einem Tier ist so gut, als ob einem Menschen Gutes getan wurde. Dagegen ist eine grausame Tat gegenüber einem Tier genau so schlimm, als ob man gegenüber einem Menschen grausam wäre." (Muslim und Bukhari, Mishkat al-Masabih; Buch 6, Kap. 7, 8:178)

"Wer zu den Geschöpfen Gottes gütig ist, ist gütig zu sich selbst." (Wisdom of Prophet Mohammad; Muhammad Amin; The Lion Press, Lahore, Pakistan, 1945)

Das Bestreben, die Botschaften Allahs und des Propheten immer tiefer zu verstehen, bildet feste Tradition im Islam. Es ist dieses Bestreben, das die Gläubigen ernsthaft ihre Speisegewohnheiten hinterfragen lässt.

Als der Prophet in der vorher erwähnten Erzählung Anas Ibn Maliks warnte, nicht von seinem Sunnah (Weg) abzuweichen, war das nicht vielmehr die Warnung davor, sich Gottes Zuneigung – oder vielleicht auch nur Ansehen unter den anderen Gläubigen – durch zur Schau gestellte (äussere) Askese erschleichen zu wollen, als ein Verbot, kein Fleisch zu essen? Denn vom Propheten selbst gibt es viele Geschichten, die von seinem Mitgefühl für die Tiere berichten, und ihn oft seine Begleiter rügen lassen, welchen es an diesem Mitgefühl fehlt. Bekannt sind auch seine Vorliebe für vegetarische Speisen, wie verdünnte Milch, Joghurt mit Nüssen, Gurken und Datteln vermischt. Von Früchten wie Granatäpfel, Trauben und Feigen soll er sich wochenlang ernährt haben und Gemüse pries er mit den Worten: "Wo es Gemüse im Überfluss gibt, dort werden sich Heerscharen von Engeln niederlassen."

Der Prophet lehrt eine universelle Liebe, die über die eigene Familie oder die Zugehörigkeit zum Islam hinausgeht. Mit Ausnahme eines einzigen beginnen alle 114 Kapitel des Koran mit der Einleitung: "Allah ist barmherzig und mitfühlend". Diese immer wiederkehrende Formel von "Rahman" und "Rahim" sind eine ständige Aufforderung an den Gläubigen, seine Gottesverehrung darin auszudrücken, im eigenen Leben Barmherzigkeit und Mitgefühl gegenüber jedem Wesen zu leben. "Niemand kann als Gläubiger betrachtet werden, wenn er seinem Bruder nicht dasselbe wünscht, was er sich selbst wünscht. Allah ist demjenigen nicht zugeneigt, der nicht auch zu Allahs Geschöpfen zugeneigt ist." (Sunnah Hadith)

Ghazala Anwar, Professor für Islamische Studien, erklärt hierzu: "Gott ist Rahman und Rahim, der Barmherzigste und Mitfühlendste. Wer tatsächlich die gottnahe Tiefe des Islam sucht, prägt sich Gottes Eigenschaften der Barmherzigkeit und des Mitgefühls ein. So wird ein wahrer Gläubiger das Leben der Geschöpfe Gottes achten, erhalten und beschützen, und sie nicht töten, um sie zu verzehren."

Hier stellt sich jedoch die Frage, weshalb in den islamischen Schriften eine Anzahl Texte zu finden sind, die den Verzehr von Fleisch eindeutig gestatten. Ähnlich wie das alte Testamtent, erlaubt auch der Koran, den Verzehr von Fleisch. Und ähnlich den strengen Schächtungsregeln im Judentum, kennt auch der Islam eine streng vorgeschriebene Schlachtmethode: 'qurban'. Und ähnlich wie im Judentum, gehen auch hier die Ansichten darüber auseinander, weshalb den Gläubigen diese strengen Vorschriften auferlegt werden.

Im 6. Kapitel des Korans, das unter der Überschrift Al-Anam (das Vieh) bekannt ist, wenden sich die Gläubigen an den Propheten und zeigen sich verwirrt darüber, dass "die Teufel unter den Menschen und die Dschinn" andere Lehren verbreiten: "Sie sagen: 'Dieses Vieh und diese Feldfrüchte sind verboten; niemand soll davon essen, ausser wem wir es erlauben'. Sie behaupten: 'und es gibt Tiere, deren Rücken (zum Reiten) verboten sind, und Tiere, über die sie nicht den Namen Allahs aussprechen,' Lüge wider Ihn erfindend. Bald wird Er ihnen vergelten, was sie erdichteten." (6.138)

Darauf lautet die Antwort: "Verloren fürwahr sind jene, die ihre Kinder aus Unwissenheit töricht töten, und das für unerlaubt erklären, was Allah ihnen gegeben hat, Lüge wider Allah erfindend. Sie sind wahrlich irregegangen und sind nicht rechtgeleitet." (6.140)

Die Antwort, die hier gegeben wird, berührt zwar die Frage des Fleischverzehrs. Es kann jedoch nicht verborgen bleiben, dass die vehemente Verneinung gegenüber dem, was erlaubt oder nicht erlaubt ist, sich in erster Linie gegen die Bestrebung einzelner Gesellschaftsgruppen richtet, sich selber als Autorität über die Worte Allahas oder des Propheten aufzuspielen (... ausser wem wir es erlauben!). Sich über die Gebote Allahs zu stellen, weil man selbstisch motiviert ist, selber entscheiden zu wollen was 'halal' (zulässig) und 'haram' (verboten, fluchbeladen) ist, bedeutet, den Weg des Gläubigen zu verlassen und zu einem Anbeter der "Götzenverehrer" zu werden. Für die Frage des Vegetarismus ist jedoch interessant zu verfolgen, dass im nachfolgenden Vers zuerst auf eine vegetarische Ernährung verwiesen wird, in der Mass gehalten werden soll: "Er ist es, der Gärten wachsen lässt, mit Rebspalieren und ohne Rebspalieren, und die Dattelpalme und Getreidefelder, deren Früchte von verschiedener Art sind, und die Olive und den Granatapfel, einander ähnlich und unähnlich. Esset von ihren Früchten, wenn sie Frucht tragen, doch gebet Ihm die Gebühr davon am Tage der Ernte und überschreitet die Grenzen nicht. Wahrlich, Er liebt die Masslosen nicht." (6.141)

In einem weiteren Schritt kommt nun der Hinweis, dass das Vieh auch als Last- und Schlachttiere genutzt werden darf: "Unter dem Vieh sind Lasttiere und Schlachttiere. Esset von dem, was Allah euch gegeben hat, und folget nicht den Fussstapfen Satans. Wahrlich, er ist euch ein offenkundiger Feind." (6.142)

Jedoch folgt diesem Hinweis die Einschränkung auf den Fuss, was darauf hindeutet, dass es sich beim Hinweis auf das Essen von Tieren lediglich um ein Zugeständnis unter Auflage strenger Einschränkungen handelt: "Kommt her, ich will vortragen, was euer Herr euch verboten hat ... und ihr sollt nicht das Leben (atmende Wesen) töten, das Allah unverletzlich gemacht hat, es sei denn nach Recht. Das ist es, was Er euch geboten hat, auf dass ihr begreifen möget." (6.151)

Das hier verwendete arabische Wort für 'atmende Wesen' lautet: 'nafs'. Die arabischen Duden verwenden den Begriff 'nafs' im Sinne von 'ruh': Seele. Daher sind Tiere – als atmende Wesen, die beseelt sind – in diesem Gebot des Nichttötens einbezogen, es sei denn sie würden, wie geschrieben ist, 'nach Recht' getötet werden.

Auch die Unterweisung im Koran (5.3.), bei der es sich nach der Offenbarung der Hidschra, um die letzten Offenbarungsworte des Korans handelt, weist noch einmal nachdrücklich auf die Einschränkungen hin.
"Verboten ist euch das von selbst Verendete sowie Blut und Schweinefleisch und das, worüber ein anderer Name angerufen ward als Allahs; das Erdrosselte; das zu Tode Geschlagene; das zu Tode Gestürzte oder Gestossene und das, was reissende Tiere angefressen haben, das, was ihr (nicht nach dem Recht) geschlachtet habt; und das, was auf einem Altar (als Götzenopfer) geschlachtet worden ist; auch dass ihr euer Geschick durch Lospfeile zu erkunden sucht. Das ist Ungehorsam. ... Wer aber durch Hunger getrieben wird, ohne sündhafte Absicht - dann ist Allah allverzeihend, barmherzig." (Koran 5.3.)

Welches sind aber nun die Einschränkungen, welche das Fleisch geschlachteter Tiere zu 'halal' macht? Es sind viele an der Zahl und sie betreffen auch nicht nur den Vorgang der Schlachtung selbst, wie die Einhaltung der Gebete und die Waschungen, oder wie das Messer geschliffen und wie es angesetzt und zum Töten des Tieres verwendet werden muss usw. Dazu gehören auch Anweisungen, wie das Tier vor seinem Tod zu behandeln ist, seine Fütterung und Haltung. In der Massentierhaltung werden viele Tiere mit Futtermehl gefüttert, das Schlachtabfälle von Schweinen und anderen Tieren enthält. Fleisch von Tieren aber, die selber Schweinefleisch gegessen haben, gilt als 'haram' (verboten). Ebenso das Fleisch von fleischfressenden Tieren, und als solches muss z. B. ein Rind betrachtet werden, wenn es Tiermehl frisst, selbst wenn es dies unfreiwillig tut.

Ebenso ist es untersagt, Tiere auf dem Transport oder bei der Schlachtung zu schlagen oder ihnen sonstwie Schmerzen zuzufügen. Selbst das Verursachen von Angst wird verboten. So wies der Prophet einen Mann mit harschen Worten zurecht, als er sein Messer in der Gegenwart des Tieres schärfte: "Beabsichtigst du das Tier zweimal zu töten – einmal indem du das Messer in seiner Sichtweite schärfst, und ein zweites Mal wenn du ihm den Hals durchschneidest?" (Al Furu Min-al-Kafi Lil-Kulini; 6:230).

Und bei Hazrat Imam Ali ist zu lesen: "Töte keine Schafe in der Gegenwart anderer Schafe oder irgend ein Tier in der Gegenwart eines anderen Tieres."

Auch der ehemalige Imam B. A. Hafiz al-Masri der 'Shah Jehan Moschee' in Wokin, England stellte fest: "Wenn Tiere während der Zucht, dem Transport, der Schlachtung oder in ihrem allgemeinen Wohlbefinden Grausamkeiten unterworfen waren, muss das von ihnen stammende Fleisch für den Verzehr als unrein und nicht dem Gesetz entsprechend (haram) bezeichnet werden. Das Fleisch von Tieren, die durch grausame Methoden getötet wurden (Al-Muthiah) ist als Aas (Kadaver) zu betrachten. Und selbst wenn Tiere entsprechend der strengsten Schlachtmethode getötet wurden, wenn ihnen in irgendeiner Form Grausamkeiten zugefügt wurde, ist ihr Fleisch dennoch verbotene Nahrung (haram)."

Vegetarische Moslems vertreten nachdrücklich die Meinung, dass diese strengen Bedingungen zum Verzehr von Fleisch in den meisten Fällen nicht erfüllt sind. Mit Sicherheit trifft dies aber auf sämtliche Tiere zu, die während ihres Lebens mit Massentierhaltungen, Tiertransporten und Massenschlachtungen in Kontakt kamen.

Der zeitgenössische Sufi Shaykh M.R. Bawa Muhaiyadeen weist denn nochmals nachdrücklich darauf hin, dass die Worte des Propheten in Bezug zum Töten von Tieren bei näherer Betrachtung lediglich als Zugeständnis für Notfälle (z. B. Hunger, Gefahr) oder auch für eine menschliche Gesellschaft, deren Ernährungsgewohnheiten nicht einfach von einem Tag auf den anderen unter Zwang verändert werden konnte, verstanden werden müssen – in letzterem Fall allerdings nur unter strengen Einschränkungen, um den Gläubigen daraus lernen zu lassen. Er erklärt hierzu: "Wenn ihr das 'qurban' (Tieropfer) innerlich mit Weisheit versteht, liegt sein Sinn darin, dieses Töten zu verringern. Wenn ihr es aber von aussen betrachtet, ist es dafür da, dem Verlangen Speise zu verschaffen, schlechte Bedürfnisse zu befriedigen..." So sagt in der Sufi-Überlieferung Allah zu Mohammed: "... mit diesem 'qurban' wird das Töten erheblich reduziert werden, wenn sie früher täglich 1000 oder 2000 Tiere töteten, werden sie jetzt nur noch 10 bis 15 Tiere schlachten können. Wenn sie nach dem Morgengebet beginnen, wird es 10 Uhr sein, bis sie anfangen können, und sie könnten nur bis 11 Uhr schlachten, da sie sich dann auf das nächste Gebet vorbereiten müssen. Ausserdem dauert es pro Tier ca. 15 bis 20 Minuten, da sie bis zum Verlassen der Seele warten müssen ... so gab Allah die Gebote an den Propheten weiter, um das Töten zu reduzieren."

Und bezüglich der strengen Vorschriften zum Schlachten stellt Bawa Muhaiyaddeen fest: ".. vor dem Schlachten müssen sie zuerst ihre Waschungen vornehmen und dann müssen sie das Kalimah (segenbringendes Gebet) dreimal sprechen und dem Tier, das geopfert werden soll, Wasser geben ... der Mensch muss in die Augen des Tieres sehen und dann, indem er das Kalimah sagt, den Hals durchschneiden. Und er muss weiter in die Augen des Tieres schauen, bis seine Seele den Körper verlässt ... Nachdem die Seele den Körper des Tieres verlassen hat, muss er noch einmal das Kalimah sagen und das Messer waschen. Erst dann kann er sich dem nächsten Tier zuwenden. Er muss in die Augen des Tieres sehen, er muss die Tränen des Tieres bemerken und er muss die Augen des Tieres beachten, bis es stirbt - hoffentlich wird sich sein Herz dann ändern."
(alle drei Zitate: M.R. Bawa Muhaiyaddeen, "Come to the Secret Garden", 1985, übersetzt in "Die Erde bewirtet euch festlich", Steven Rosen, 1992, S. 87)
 
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