Vegetarismus in der jüdischen Tradition - Namaste

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Vegetarismus in der jüdischen Tradition

Tiere achten - nicht schlachten
Vegetarismus und das jüdische Gesetz

Die Grundpfeiler, auf denen die jüdische Lehre und ihre Gesetze aufgebaut sind, werden zuweilen in zwei Kategorien aufgeteilt: dem geschriebenen Gesetz (der jüdischen Bibel) und dem mündlichen Gesetz.

Gemeint ist mit dem geschriebenen Gesetz die hebräische Bibel, die Torah (das Alte Testament). Zum mündlichen Gesetz werden Schriften wie der Talmud gezählt. Im Talmud sind Schriften aus über siebenhundert Jahren (etwa 200 v. Chr. bis 500 nach Chr.) gesammelt. Die Texte wurden ursprünglich mündlich weitergegeben, woraus sich die obige Unterscheidung ableitet. Zur zweiten Kategorie gehören verschiedene weitere Kommentare und rabbinische Schriften, die als heilig gelten.

Die jüdische Bibel (Torah) bleibt die unveränderliche Grundlage, während die in der Tradition befindlichen Werke, die sich andauernd verändernden Bedingungen berücksichtigt. Dieses System hat das Judentum bis in die heutige Zeit lebendig und lebensnah erhalten, und weist in dieser Hinsicht Parallelen zu der vedischen Tradition auf.

Das heutige orthodoxe Judentum lehrt die vegetarische Ernährung generell nicht als biblischen Grundsatz. Unbestritten ist jedoch, dass in Torah und Talmud sowohl die ursprüngliche Ernährung in der jungen und unversehrten Schöpfung, als auch die Ernährung im zukünftigen messianischen Zeitalter als vegetarisch beschrieben wird.

Als erste Speiseregel für den Menschen gilt Genesis 1.29:
Und Gott sprach: ”Siehe, ich gebe euch alles Kraut, das Samen trägt, auf der ganzen Erde, und alle Bäume, an denen samenhaltige Früchte sind; das soll eure Speise sein.“

Viele jüdische Gelehrte sind aufgrund dieser Unterweisung der Auffassung, dass Gott den Menschen ursprünglich zu einer vegetarischen Ernährung auffordert. Im frühen 20. Jahrhundert hält beispielsweise Moses Cassuto in seinem Kommentar 'Von Adam zu Noah'  fest (Seite 58): ”Es ist gestattet, Tiere zu nutzen, sie für die Arbeit zu gebrauchen, und sie soweit zu beherrschen, als wir ihren Dienst in die Erhaltung unseres Daseins stellen. Aber wir dürfen ihr Leben nicht als gering erachten oder sie abschlachten, um sie zu verzehren. Unsere natürliche Ernährung besteht im Vegetarismus.“

Der Talmud pflichtet dieser ursprünglichen Ernährungsform zu (Sanhedrin 59b): ”Adam war es nicht gestattet, sich von Fleisch zu ernähren“.

In der Harmonie dieser noch jungen Schöpfung scheint der Vegetarismus die ideale Ernährungsform darzustellen, denn im nächsten Vers wird auch die Ernährung der Tiere als vegetarisch beschrieben (Genesis 1.30):
”Aber allen Tieren der Erde und allen Vögeln des Himmels und allem, was sich regt auf der Erde, was Lebensodem in sich hat, gebe ich alles Gras und Kraut zur Nahrung. Und es geschah also.“

Als das Schöpfungswerk nun fast vollbracht ist, folgt die Feststellung (Genesis 1.31):
”Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Und es ward Abend und ward Morgen: der sechste Tag.“

Deutlich wird hier eine Harmonie spürbar, welche den Schöpfer, die Schöpfung und alle Geschöpfe miteinbezieht. Doch im Laufe der Zeit, wandelt sich das Gesicht der Erde. Die Zügellosigkeit der Menschen und damit auch die Gewalt untereinander und gegenüber den Tieren nimmt zu. Die Erzählung Noahs weist unmissverständlich auf diesen Zerfall hin (Genesis 6.12):
”Da sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt; denn alles Fleisch hatte seinen Wandel verderbt auf Erden.“

Die in der Folge stattfindende Sintflut lässt ein Bild der Verwüstung hinter sich. Und selbst als Gott nun einen Bund mit Noah und seinen Nachkommen errichtet, fehlt darin ganz und gar die Harmonie, die in den jungen Tagen der Schöpfung die Beziehung prägt. Vielmehr ergeht die Unterweisung nun an eine Menschheit, die schwach und von Gott abgefallen ist (Genesis 9.2):
”Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde, über alle Vögel des Himmels, über alles, was auf Erden kriecht, und über alle Fische im Meer: in eure Hand sind sie gegeben.“

Zu diesem Vers bemerkt Rabbi Samson Raphael Hirsch, ein bekannter Thora Gelehrter des 19. Jahrhunderts, dass nunmehr die frühere Zuwendung zwischen Mensch und Tier gebrochen ist. Dieser Bruch läutet gleichzeitig einen Wechsel der Beziehungen unter den Menschen ein. In diesem Umfeld nach der Sintflut verkündet Gott nun ein neues Speisegesetz (Genesis 9.3.):
”Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das Kraut, das grüne, gebe ich euch alles.“

Zahlreiche jüdische Gelehrte betrachten dieses Gotteswort als ein Zugeständnis an eine Menschheit ”wie sie ist“ und nicht ”wie sie sein sollte“. Isaac Kook (erster Oberrabiner des neuen Staates Israel) kommentiert diese Erlaubnis zum Fleischverzehr in seiner 'A Vision of Vegetarianism and Peace' (editiert von Rabbi David Cohen, The Nazir) lediglich als zeitweilig. Seiner Meinung nach sollte diese Erlaubnis es verhindern, dass eine Menschheit, der es unmöglich geworden war, ihre Lust auf Fleisch zu kontrollieren, noch weiter degenerierte, indem sie womöglich gar zu Menschenfressern würde. Dadurch dass Gott die Menschheit deutlich vom Tier unterschied, sollten die Menschen dazu angespornt werden, zumindestens sich untereinander nicht mehr zu töten.

Ein ähnliche Ansicht vertritt der jüdische Mystiker Joseph Albo (15. Jahrhundert). Da die Lust der Menschen nach Fleisch zu gross geworden war, würde ein bedingtes Zugeständnis, diese Lust kontrollieren helfen. Im Hinblick auf den ”Ist-Zustand“ der Menschheit könnten diese Erlaubnis und die damit verbundenen Einschränkungen verhindern, dass die Menschen sich vollkommen einer Lust zuwandten, die bereits vorher (vor der Sintflut) zu Unheil geführt hatte.

Und bereits Nachmanides lehrte im 12. Jahrhundert, die Heiligkeit durch den Verzicht auf das, was erlaubt war: denn wer ständig Wein trinke und Fleisch esse, werde als Schurke der Thora-Erlaubnisse angesehen.

Diese Auslegungen werden dadurch gestützt, dass der Fleischverzehr starken Einschränkung unterzogen ist (Genesis 9.4):
”Nur Fleisch, das seine Seele - sein Blut - noch in sich hat, dürft ihr nicht essen.“

Die jüdische Lehre setzt den Begriff Blut mit dem Begriff Leben gleich. So darf diese Einschränkung als Aufforderung zur Ehrfurcht vor dem Leben verstanden werden. Wer die Kashrut-Gesetze einhält, wird sehr direkt mit der blutigen Realität des Fleischverzehrs konfrontiert. Es gibt viele rabbinische Kommentare zu den jüdischen Speiseregeln, welche darauf hinweisen, diese Erlaubnis zum Fleischverzehr unter ganz bestimmten Umständen, solle das Bewusstsein der Menschen für das göttliche Prinzip des Lebens erwecken, - das natürlich auch den Tieren eigen ist -, und sie ihre Lust und das damit verbundene Töten überwinden lassen.

Im Talmud wird direkt darauf hingewiesen, dass der Verzehr von fleischlicher Nahrung von einer negativen Bedeutung begleitet ist:
”Die Torah erteilt uns eine Lektion in moralischem Verhalten -, der Mensch soll kein Fleisch essen, ohne dass er ein besonderes Verlangen danach hat ... und er soll es nur gelegentlich und selten essen.“ (Chulin 84a)
”Je mehr Fleisch, desto mehr Würmer.“ (Pirke Avoth II,7)

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Wortverwandtschaft, auf die Steven Rosen in seinem Buch 'Die Erde bewirtet euch festlich' (Adyar 1992, ISBN 3-927837-41-5) hinweist:
”Bemerkenswert ist, dass in der ostindischen Überlieferung der Sanskritausdruck 'mleccha' unsere westliche Kultur bezeichnet. Es ist dies ein Hinweis auf den im Westen weit verbreiteten Verzehr von Fleisch und andere ungute Eigenschaften. Und ebenso bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das hebräische 'm’leecha', das ähnlich ausgesprochen wie 'mleccha', das Reinheitsphänomen (Kaschrut) insgesamt bezeichnet. Für die alten Hebräer war die Verwandtschaft dieser beiden Wörter kaum überraschend, denn ihr eigenes Wort für ”Fleisch“ (basar) wurde von den Talmud-Gelehrten als Zusammensetzung der Buchstaben bet (Schande), sin (Verderbnis) und resh (Würmer) dargestellt.“ (S. 72/73).

Ähnlich wie die Erlaubnis in Gen. 9.3. keine Rechtfertigung des Fleischkonsums, sondern im Hinblick auf die Kaschrut-Gesetze wie oben ausführlich gezeigt eine Hinführung zum ethischen Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben darstellt, verhält es sich auch mit den Regulierungen zur rituellen Schlachtung von Tieren, den Schechitah Gesetzen. In der Erlaubnis zum Fleischverzehr und der Schlachtopferung darf sicherlich eine starke Neigung den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen, gesehen werden. Dennoch, immer im Lichte einer Realität betrachtet, in der die Menschen mit Tieren nach Lust und Laune verfahren, wird im Judentum Schechita und Kaschrut als Ansatz für ein Tiertötungsethos gesehen. Die rituelle Schlachtmethode stellt die Forderung, alles zu vermeiden, was einer rohen Behandlung gleichkäme oder das Tier verletzen könnte. Würde diese Forderung konsequent durchgeführt, dürfte es keine Schlachtung geben. Die vielen Auflagen im jüdischen Speisegesetz sind lediglich ein erster Schritt in diese Richtung.

Von Rabbi Yishmael ist hierzu im Talmud (Baba Bathra 60b) folgende Feststellung überliefert: ”Von dem Tage an, als der Heilige Tempel zerstört wurde, wäre es rechtens gewesen, wenn wir uns ein Gesetz zum Verbot des Fleischverzehrs auferlegt hätten. Doch die Rabbis haben weise entschieden und erkannt, dass die Bestimmenden keine Gesetze erlassen dürfen, die von der Mehrheit der Gesellschaft nicht eingehalten werden kann. Sonst würden sowohl Gesetz als auch Verwalter lediglich in Verruf graten.“

Ein jüdischer Gelehrter neuerer Zeit, Rabbi Samuel H. Dresner, hält denn auch fest, der Kaschrut drücke vorrangig eine Art Kompromiss aus. Der Mensch solle idealerweise überhaupt kein Fleisch essen, denn um Fleisch zu essen, müsse Leben zerstört, Tiere getötet werden. Er interpretiert die Erlaubnis zum Fleischverzehr als göttliche Gewährung, als extreme Massnahme gegen die Zügellosigkeit und Dummheit der Menschen.

Richard H. Schwartz, dem wir in der modernen Zeit wohl die ausführlichsten Kommentare und Sammlungen an jüdischen Gedanken zur vegetarischen Tradition zu verdanken haben, weist sogar darauf hin, dass manche Rabbis das Verbot in Genesis 9.4. in Verbindung mit dem nachfolgenden Vers 9.5. als Warnung Gottes verstehen, der darin den Fleischverzehr als eine langsame Form des Suizids erklärt.
”Euer eigenes Blut aber will ich einfordern; von allen Tieren will ich es einfordern, und von den Menschen untereinander will ich das Leben des Menschen einfordern.“ (Gen. 9.5.)

So herrscht ein ständiges Spannungsfeld zwischen der Forderung zur Ehrfurcht vor dem Leben, dem Mitleid und Schutz der Schwächeren auf der einen Seite, und der Schächtung und dem Verzehr von Tieren auf der anderen Seite. Dies tritt an vielen Stellen der jüdischen heiligen Texte zu Tage. In der Mischna wird beispielsweise folgende Geschichte erzählt:
Einst flüchtete ein Kälbchen vor dem Schächter, als dieser es mit dem Schlachtmesser zu Tode bringen wollte. Es lief zum Rabbi Juda und suchte unter dessen Mantel Schutz. Doch der Rabbi wies es zurück: "Lass mich. Es ist deine Bestimmung geschlachtet zu werden!" Aufgrund der hier gelebten Härte liess Gott ihn an einer langwierigen Krankheit erkranken, von welcher der Rabbi erst Heilung erfuhr, als er Schonung und Mitgefühl mit Tieren gezeigt hatte.

Das Zugeständnis zum Fleischverzehr erweist sich bei näherem Hinsehen als eine Vorkehrung, eine Menschheit, die nicht in der Lage ist, das ursprüngliche Gesetz einzuhalten, soweit zu regulieren, dass sie sich Schritt für Schritt einem rechtschaffenen Verhalten annähern kann. Dies vor allem auch im Hinblick auf das kommende messianische Zeitalter des Friedens, der Barmherzigkeit und der Gnade, auf das sich das Judentum freut. Schonung und Mitgefühl mit den Tieren, sie zu beschützen und ihnen kein Leid zuzufügen sind Absichten, die sicherlich erst dann erfolgreich verwirklicht werden können, wenn ihr Leben als wertvoller erkannt wird, als die Freude eines kurzen Gaumenkitzels.

Rabbi Kook lehrt denn auch, die Wirkung der Erkenntnis werde sich zur Zeit des Messias selbst auf die Tiere ausbreiten und die Harmonie in Gott würde wie in den ersten Tagen sein, als die Geschöpfe einander noch nicht nach dem Leben trachteten. Er glaubt genau wie Rabbi Albo daran, dass die Menschen sich in den Tagen so sehr weiterentwickeln würden, dass sie kein blutiges Unrecht mehr begehen und zur vegetarischen Ernährung zurückkehren würden. Diese Überzeugung wird ähnlich wie im Christentum durch die Verheissung in Jes. 11.5.-9. gestützt:

"Gerechtigkeit wird der Gürtel seiner Lenden und Treue der Gurt seiner Hüften sein. Da wird der Wolf zu Gast sein bei dem Lamme und der Panther bei den Böcken lagern. Kalb und junger Löwe weiden beieinander, und ein kleiner Knabe leitet sie. Kuh und Bärin werden sich befreunden, und ihre Jungen werden zusammen lagern; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Der Säugling wird spielen am Loch der Otter, und nach der Höhle der Natter streckt das kleine Kind die Hand aus. Nichts Böses und nichts Verderbliches wird man tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn voll ist das Land von Erkenntnis des Herrn, wie von Wassern, die das Meer bedecken".


Vegetarismus und Jüdische Werte

Dass Ende des 20. Jahrhunderts Israel den grössten Anteil religiös motivierter Vegetarier nach Indien aufweist, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit darauf zurückzuführen, dass der Gedanke des Vegetarismus mit vielen zentralen Werten der jüdischen Weltsicht zusammenhängt. Es ist daher auch nicht verwunderlich, wie kontinuierlich sich diese pro vegetarische Strömung innerhalb der jüdischen Tradition fortgesetzt hat.

Die Liste jüdischer Gelehrter, die sich für den Vegetarismus als ideale Ernährung im Einklang mit Gottes höchsten Idealen eingesetzt haben und noch heute einsetzen, ist lang und illuster. Dazu gehören der Torah Gelehrten Rashi (1040 -1105), Abraham Ibn Ezra (1092-1167), Maimonides (1135-1214), Nachmanides (1194-1270), Rabbi Joseph Albo (gestorben 1444), Rabbi Samson Raphael Hirsch (1808-1888), der erste Oberrabiner des modernen Staates Israel Isaac Kook (1865 - 1935), der Oberrabbiner der Aschkenasim in Israel Shlomo Goren (1878 - 1965), Moses Cassuto (1883-1951), Nechama Leibowitz (geb. 1905), der frühere Oberrabinern von Irland David Rosen und der frühere Oberrabiner von Haifa Yashuv Cohen, die Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer und Shmuel Yosef Agnon sowie bekannte zeitgenössischen Rabinern wie Samuel H. Dresner und der Chassidim Yonassan Gershom. Es bilden sich Gruppen wie Shomrei Adamah (Hüter der Erde), welche zentralen Werten jüdischen Denkens (z. B. für die Erde als Eigentum Gottes Sorge zu tragen, niemandem ein Leid zu tun) durch Umweltschutz, Vegetarismus und ähnliches eine zeitnahe verbindliche Form geben.

Die Fürsprecher für den Vegetarismus innerhalb der jüdischen Tradition betonen, dass viele Textstellen aus Torah, Talmud und anderen jüdischen heiligen Texten sowie bestimmte Meditationen und Gebete unterschiedlicher jüdischer Festtage den Vegetarismus nahelegen, da diese Ernährung sich am besten mit den darin dargelegten jüdischen Werten vereinbaren lässt.

Richard H. Schwartz, Professor für Mathematik am College of Staten Island, Autor vieler Artikel zum Thema Judentum und Vegetarismus sowie Förderer der 'International Jewish Vegetarian Society', beantwortet die Frage, welches die Hauptgründe für eine vegetarische Ernährung im heutigen Judentum sind, wie folgt: "Der Hauptgrund für den Vegetarismus im heutigen Judentum liegt in der Widersprüchlichkeit, welche sich aus der Wirklichkeit des Fleischkonsums und der damit verbundenen Land- und Viehwirtschaft einerseits sowie den jüdischen Grundwerten wie dem Schutz der menschlichen Gesundheit, dem gelebten Mitgefühl für das Tier, dem Umweltschutz, des massvollen Umgangs mit den natürliche Rohstoffen dieser Welt, dem Prinzip des Teilens mit den Hungrigen und der Bewahrung des Friedens andererseits ergeben."

In diesem Sinne werden auch alte traditionelle Feste mit neuem Sinn erfüllt. So wird das Passahfest als Erinnerung an den Auszug aus der Knechtschaft in Ägypten gefeiert. Es dauert eine Woche und beginnt mit einem Festessen am Sederabend. Dem ganzen Fest unterliegt eine traditionellen Liturgie, mit Lesung, Psalmen und Gesängen - ja selbst die Speisen stehen in einem Bezug zu der Leidenszeit in Ägypten: Salzwasser und bittere Kräuter erinnern an die bitteren Tränen, die damals vergossen wurden. Das Mus aus Äpfeln, Feigen und Nüssen mit Zimt hat die Farbe der Lehmziegel, die in der Sklaverei geformt werden mussten. Fleischige Knochen stehen für das Opferlamm.

Das jüngste Kind aus der Familie stellt zu Beginn die Frage: "Weshalb unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?" Der Vater liest darauf aus der Haggada von der Errettung der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten. Der Abend endet mit dem Wunsch: "Dieses Jahr hier - nächstes Jahr in Jerusalem."

Auf den ersten Blick, scheint das Passahfest nichts mit Vegetarismus gemein zu haben. Zum einen bestehen Einschränkung, die das Essen von Brot, Getreide und Erbsen regeln, zum anderen scheinen Hühnchen, "gefielte Fish", und die symbolisch an das Passahlamm erinnernden Knochen mit etwas Fleisch daran, bei keinem Passasfest fehlen zu dürfen.

Doch eine wachsende Anzahl Juden nehmen die Frage: "Weshalb unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?", als Anregung, auch liebgewordene Traditionen zu verändern. Sie sehen eine der praktischen Anwendungen der geistigen Inhalte dieses Festes im Vegetarismus und messen den rituellen Bestandteilen einen symbolischen Wert bei. So erklärte der Talmud Gelehrte Rabbi Huna, anstelle der Knochen, die an das Passahlamm erinnern, könne ein Rübe verwendet werden und es entstanden Haggadas, welche ein vegetarisches Feiern dieses Festes ermöglichen. Aber was sind das für "geistige Inhalte" oder "jüdische Werte", welche diese Entwicklung anregen?

Das Passahfest ist auch eine Danksagung an Gott, für all das Gute, das er den Juden in dieser Zeit zukommen liess: z. B. schenkte Er ihnen die Gesetze, Er nährte sie in der Wüste mit 'manna', Er führte sie ins Land Israel. Und auch heute noch, schenkt er die Luft zum Atmen, Wasser und Nahrung für alle Lebewesen: "Geheiligt seist Du, O Ewiger, unser Herr und König des Universums, der Du die ganze Erde mit Deiner Güte, und mit Gnade, Barmherzigkeit und Mitleid erfüllst. Er schenkt jedem Lebewesen seine Nahrung, da Seine Barmherzigkeit unendlich ist. Es mangelt uns nie an Seiner überfliessende Güte und möge es uns auch bis in alle Zeiten nie daran mangeln." In diesem Dankgebet liegt auch die Verpflichtung, verantwortlich mit den Geschenken (z. B. Wasser, Nahrung, Luft usw.) umzugehen, die Gott als Geschenk übergeben hat. Im krassen Gegensatz dazu steht, dass allein 20 % der Weltbevölkerung über 70 % der natürlichen Rohstoffe verbraucht.

Eine andere Aufforderung am Sedarabend lautet: "Lasst alle Hungrigen kommen und essen." Ein Lied, das am Sedartisch gesungen wird, ist Dayenu: "Es hätte gereicht." Auch hier geht der praktische Bezug von der Geschichte der Vergangenheit bis zum Jetzt: All die Gaben, die der Menschheit zukommen, würden genügen. Sowohl genügen für die ganze Menschheit, als auch genügen, um Gott dafür auf immer dankbar zu sein.

Wie aber lässt sich dieser Gedanke mit den Auswirkungen des Fleischkonsums vereinbaren? Über die Hälfte des jährlichen Getreideanbaus wird an Vieh verfüttert, während jedes Jahr 20 Mio. Menschen an Hunger und seinen Auswirkungen sterben. Von Brasiliens ca. 25'000 Mio. Tonnen jährlicher Sojaernte ums Jahr 2000, werden lediglich 3 % zur Lebensmittelherstellung verwendet. Den Rest verfüttert die westliche Fleisch- und Zuchtindustire den Tieren. Auf diese Weise wird die Nahrung der Armen an die Tiere der Reichen verfüttert. Ein Luxus an Nahrungsverschwendung der nur durch die Ausbeutung der Menschen in den Anbauländern, der Natur (Rodung von Regenwald, Einsatz grosser Mengen von Dünger und Pestiziden, Genmanipulation usw.) und den (Schlacht-)Tiere möglich wird. Mahatma Gandhi liess denselben Gedanken in seiner Feststellung anklingen: "Es ist genug für die menschlichen Bedürfnisse da, nicht aber für die menschliche Gier."

Ein weiteres Hauptthema des Passahfestes ist die Freiheit: Gott führte sein Volk in die Freiheit. Viele vegetarische Juden ziehen eine Parallele zwischen der Knechtschaft in Ägypten und der Knechtschaft von Tieren in der Massentierhaltung der Milch- und Schlachtbetriebe. Sie stellen sich die Frage, ob sie als Volk, das von Gott selbst aus der Knechtsschaft geführt worden ist, nun ohne Not Tiere einer Knechtschaft aussetzen, in der es kein Sonnenlicht, keine Bewegung, sondern nur Futter, Antibiotikakuren, ein langes Warten auf den Tod und schliesslich den qualvollen Gang ins Schlachthaus gibt?

Vegetarischen Juden verstehen den Vegetarismus zum einen als Beitrag für die Erhaltung und Bewahrung der Welt, zum anderen als folgerichtige Anwendung religiöser Anweisungen jüdischer Gesetze und Werte in der heutigen Zeit. Einige dieser Punkte seien hier kurz erwähnt:

  • Tsa'ar Ba'alei Chaim: Die Aufforderung es zu vermeiden, Lebewesen Leid und Pein zuzufügen. Das lässt sich nicht vereinbaren mit über 2 Mia. Stalltieren und über 20 Mia. Geflügel, die jedes Jahr in Schlachtbetrieben enden.
  • Bal tashchit: ihr sollt nicht zerstören. Rabbi Samson Raphael Hirsch erklärt hierzu: "Betrachtet die Dinge als Eigentum Gottes und verwendet sie verantwortlich und weise, zum Nutzen der Menschheit. Zerstört nichts! Verschwendet nichts!" (Horeb, Kap. 56, Sek. 401)
  • "Bal tash'chit ist das erste Verbot der Schöpfung ... Zerstörung meint nicht nur, etwas für den vorgesehenen Gebrauch unbrauchbar machen. Es bedeutet auch den Versuch, ein bestimmtes Ziel mit mehr Mitteln und wertvolleren Dingen zu erreichen, obwohl bereits weniger viele und weniger wertvolle Dinge zu diesem Zweck ausreichend wären. Oder es ist dann gemeint, wenn das Ziel die Mittel nicht wirklich wert ist, die zu seiner Erlangung aufgewendet werden. " (Sek. 399).
  • Allein die Tatsache, dass eine direkte Ernährungsweise, d. h. eine vegetarische Ernährungsweise, in der nicht zuerst Getreide an Vieh verfüttert wird, 1'000 % mehr an Nahrung erzielt, verbietet eine Ernährung, die sich auf Fleisch- und Mastbetriebe stützt.
  • Harachamon: Der Mitfühlende. Im Judentum wird Gott unter anderem mit diesem Namen verehrt. Es wird auf einen Schöpfer verwiesen, dessen Mitgefühl an all Seine Geschöpfe ergeht, wie dreimal täglich in der Synagoge gebetet wird. Die Verständnis der Juden geht in Richtung: "rachmanim b'nei rachmanim": die mitfühlenden Kinder eines mitfühlenden Ahnen. Wie kann von Mitgefühl gesprochen werden, wenn in einem Fleischgericht, nur die Gaumenfreude, nicht aber das Leben des Tieres erkannt wird, das daran hängt?
  • Tikkun olam: die allgemeine Verpflichtung, diese Welt zu erhalten und zu beschützen, und wenn nötig, ihr zurück zu einem weniger verschmutzten Zustand zu verhelfen. Holz- und Brandrodungen im Regenwald, Düngung und Pestizide zur Erzielung immer grösserer Mengen an Futtergetreiden, aus massentierhaltung anfallendes Methangas, Ammoniak und Nitrate stellen bereits heute eine Bedrohung für Wasser, Boden und Luft dar und zerstören als solche wichtige Lebensgrundlagen der Menschheit.
  • Die Verpflichtung gut auf seine Gesundheit achtzugeben. Rabbi Alfred Cohen schreibt dazu: "Würden wir den vielen früheren Fällen folgen, die in den jüdischen Gesetzestexten beschrieben sind, hätten wir wenig Schwierigkeiten zur Schlussfolgerung zu gelangen, dass wenn das Essen von Fleisch sich tatsächlich schädlich auf die Gesundheit auswirken würde, es nicht nur erlaubt, sondern sich möglicherweise sogar als zwingend erwiese, unseren Konsum eines ungesunden Nahrungsmittels auf ein Mindestmass zu reduzieren." (Vegetarianism from a Jewish Perspective, Journal of Halacha and Contemporary Society, Fall, 1981, p. 61)



 
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