Was vedische Texte sagen - Namaste

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Was vedische Texte sagen

NDE - Reinkarnation
"Wie eine Raupe, wenn sie das Ende des Grashalms erreicht hat,
einen anderen Halm ergreift und sich zu ihm hinüberzieht,
so ergreift die Seele, wenn sie den Körper abgeworfen hat,
einen andern Körper und zieht sich zu ihm hinüber."
Brihadaranyaka Upanishad 4.4.3


Während der Rig-Veda in zahlreichen Hymnen- und Opfergesängen für die Devas (erleuchtete Wesen, in gewissem Sinne vergleichbar mit dem westlichen Begriff Engel) widerhallt , erblüht in den Upanishadentexten das philosophische Verständnis von der Welt, dem Leben und dem Tod. Die Texte sind nicht leicht zu verstehen, denn selten fällt die Aussage so deutlich aus, wie die Frage. Ein kurzer Ausschnitt einer Unterhaltung zwischen Artabhaga und Yajnavalkya (Brihadaranyaka Upanishad 3.2.11 ff) führt vor Augen, wie der Sucher in seinem Forschen beständig weiterfahren muss und sich nicht mit der ersten Antwort zufrieden geben darf, um immer weiter in ein tiefes Verständnis des Lebens eindringen zu können:

"Yajnavalkya, wenn hier ein Mensch stirbt, was verlässt ihn nicht?"
"Der Name."...
"Yajnavalkya, wenn hier ein Mensch stirbt, ziehen die Hauche da aus ihm aus oder nicht?"
"Nein, sie fliessen in ihm zusammen, er schwillt an, bläst sich auf. Aufgeblasen liegt der Tote da."
"Yajnavalkya, ... wo bleibt dann der Mensch?"
"Reiche mir deine Hand, lieber Artabhaga. Wir beide wollen darum allein wissen. Nicht gehört unser Wissen vor die Leute."

Die Frage über Leben und Tod erfährt anfänglich nur eine sehr versteckte Antwort. Denn hier greift der Forscher nach der Ewigkeit des spirituellen Urgrunds aller zeitweiligen Existenz. Selbst Yama, der Gott des Todes, der Hüter des Tors zur Ewigkeit, weicht zuerst aus, als er nach einem Dasein nach dem Tode gefragt wird. Die Frage stellt ein entschlossener Knabe, Naciketas, der sich nach der Wahrheit sehnt: "Ein Zweifel waltet, wenn der Mensch verscheidet. "Er ist!" sagt dieser,"Er ist nicht!" sagt jener. Das möchte ich, von dir belehrt, ergründen, das sei die letzte Gabe, die ich wähle." (Katha-Upanhishad)

Doch Yama zögert und verweist darauf, dass selbst die Devas darüber einst im Zweifel waren. Er bietet dem Jüngling alle Reichtümer und Genüsse der Welt an, wenn er nur eine andere Frage als diese stellen würde. Als Naciketas sich nicht beirren lässt, da freut sich Yama, weil nur ein solch entschlossener Forscher sich letztlich als Schüler eignet.

Obwohl dieses Wissen sehr vertraulich behandelt wird, findet es doch immer wieder deutlichen Ausdruck auch in den frühesten schriftlichen Texten, wie der eingangs erwähnte Vers in der Brihadaranyaka Upanishad deutlich zeigt. Auch Yama gibt sein Zögern gegenüber Naciketas schliesslich auf, und weist ihn auf den Kreislauf der Wiedergeburten hin: "Was hier ist, ist dort, und was dort ist, ist hier. Und der geht von Tod zu Tod, der hier einen Unterschied sieht." (Katha-Upanishad 2.1.10).

Die Bhagavad-gita, die von vielen als die Essenz des vedisch-spirituellen Wissens betrachtet wird, geht ihrerseits ausführlich auf das spirituelle Wesen der Seele (die höhere Energie) und ihre Bindung durch Karma und Wiedergeburt an die grob- und feinstoffliche Welt (die niedere Energie) ein. Karma und Wiedergeburt gehören in der Bhagavad-gita bereits zu den Einführungsthemen, denn sie will zu Themen hinführen, die ihrem Wesen nach noch viel vertraulicher sind: der Quelle aller Liebe und der Beziehung allen Seins zu diesem Ursprung.

In diesem Licht betrachtet, wird der Reinkarnationsgedanke nicht zu den wichtigen Wahrheiten des Lebens gezählt. Ein Gedanke, der sich leicht nachvollziehen lässt, gibt es doch auch in den Kulturen, in denen der Gedanke der Wiedergeburt nicht zum Grundverständnis gehört, immer wieder Menschen die in Gottes Liebe aufblühen. Trotzdem erweitert das Wissen um die Wiederverkörperung das eigene Verständnis von sich, dem Entstehen und Vergehen der Welt, der Beziehung der Lebewesen zur Welt und ihrem Schöpfer.

Wenden wir uns nun der Frage zu, was denn nun bei einer Wiederverkörperung überhaupt reinkarnieren kann! Die vedische Lehre der Seelenwanderung basiert auf dem Verständnis, dass die eigentliche Person, das ewige Selbst (atma), von zwei zeitweiligen Hüllen umgeben ist, dem physischen (grobstofflichen) und dem psychischen (feinstofflichen) Körper. Beim Tod verlässt das Selbst (die eigentliche Identität) immer noch verbunden mit der feinen psychischen Hülle, den physischen Körper. Tod bedeutet, dass die grobe Hülle (der physische Körper) nicht mehr zu benutzen ist, ähnlich einer Maschine, die ihren Dienst getan hat. Immer noch eingebettet in seine zweite feinere Hülle, den Wünschen und Begehren, Eindrücken und Erfahrungen der Vergangenheit, die sich zum psychischen Körper verdichtet haben, wechselt der Atma zu einem neuen physischen Körper. Im feinstofflichen Körper, sind dabei bereits die Vorgaben (Strukturen) zur Entwicklung des nächsten grobstofflichen Körpers enthalten, und zwar in der Form von karmischen Samen (vasanas). Der Tod ist also lediglich die Auflösung, bzw. das Verlassen des grobphysischen Körpers, wenn das Karma, das zu diesem Körper führte, aufgebraucht ist.

Dieser Vorgang des Sterbens und was danach geschieht, gehört wie jede andere Erfahrung in den Bereich des individuellen Erlebens eines jeden Lebewesens. Entsprechend vielfältig sind die Erzählungen des Veda darüber. Geliebt wird die Geschichte der edlen Savitri, die furchtlos und treu den Fussspuren Yamas (Herr des Todes) folgt, als dieser ihren geliebten Ehemann fort holt. Sie lässt den toten Körper ihres Ehemanns hinter sich, da sie weiss, dass Yama, der Tod, die Seele mit sich nimmt. Schliesslich, nach langem Weg und furchtloser Selbstlosigkeit, schenkt Yama ihrem Gatten das Leben. Als Savitri nun zum Leichnam ihres Gatten zurückeilt und schliesslich seinen Kopf in ihren Schoss legen kann, erwacht er, als sei er gerade aus einem Traum erwacht. Würde Savitri ihm nichts erzählen, so wäre es für ihn tatsächlich bloss ein Traum gewesen.

Von ganz anderer Art ist der Tod des Königs Bharata. Er wird als Kaiser der Welt beschrieben und nach ihm wird in der vedischen Kultur die Welt bharata-varsa genannt. Dieser König, von edelstem Charakter und grosser Verwirklichung, zieht am Ende seines Lebens in den Wald, um sich ausschliesslich der Meditation zu widmen. Dort trifft er auf ein scheues Reh, dessen Angst und Hilflosigkeit sein Herz gefangen nimmt. Seine Aufmerksamkeit (sein Bewusstsein) richtet sich mehr und mehr auf das Reh und als es eines Tages nicht zu seinem Ashrama zurückkehrt, wird er krank vor Sorge und macht sich auf die Suche nach ihm. Er sucht es auch während der Nacht und schliesslich ereilt ihn dabei der plötzliche Tod. Da das Reh ihn in seinen letzten Lebensmonaten am meisten in Anspruch genommen hat und sein ganzes Bewusstsein im Todesmoment von den Gedanken an und Gefühlen für das Reh ausgefüllt ist, nimmt er schliesslich entsprechend diesem Bewusstsein den Körper eines Rehes an. Doch er kann sich in diesem Tierkörper an sein Leben als König Bharata erinnern und so geht er als Reh zu seinem Ashrama zurück, und lebt bis zu seinem Tod ein Leben der Zurückgezogenheit. In dieser Weise setzt sich die Linie seines Lebenspfades im nächsten Körper eines Brahmanen fort. Nun heisst er Jada Bharata und noch immer kann er sich an seine Leben als König Bharata und Reh erinnern. Er gibt deshalb vor taubstumm und dumm zu sein, um sich so dem Einfluss der Gesellschaft entziehen und vollständig seiner Meditation widmen zu können. Doch schliesslich kann seine Weisheit und Verwirklichung nicht länger im Verborgenen bleiben und König Rahugana bittet ihn darum, sein geistiger Lehrer (guru) zu werden, der ihn im Wissen um die Transzendenz unterweist.

Der gestrauchelte Brahmane Ajamila erlebt bei seinem Tod eine Vision, die ein westlicher Mensch wohl als "Höllenvision" bezeichnen würde. Wider besseren Wissens hat er sein Leben mit Rauben und wüstem Feiern verbracht. Als er alt und krank geworden dem Tod ins Auge blickt, sieht er schreckenerregende Schergen auf sich zukommen, die seine Seele mit Gewalt aus dem Körper zerren und ihn fortschleppen wollen. Es ist die Rede von Yamas Gericht. Er, der Herr des Todes, lässt jedem zukommen, was ihm gebührt. Ajamila schreit voller Angst, denn nur er kann diese geisterhaften Gestalten sehen. Die Geschichte lässt ahnen, welchen Lauf das Weiterleben Ajamilas nehmen würde -– käme ihm nicht die Gnade des Herrn in Form seines Heiligen Namens entgegen. Ajamila wird schliesslich ein Aufschub gewährt und er kommt in dieses Leben zurück – als geläuterter Mensch, der sein Leben neu ausrichtet.

Der Veda enthält viele Geschichten dieser Art, manchmal ausführlich erörtert, manchmal nur als kurze Sequenzen in einer grösseren Erzählung eingebettet. So unterschiedlich diese Erfahrungen auch sind, so weisen sie doch auch eine starke Gemeinsamkeit auf. Es ist das Verständnis, dass all das, was wir im Jetzt tun, einen direkten Einfluss auf das hat, was wir später erfahren – auch in einem späteren Leben. Alles, was wir in unserem Leben getan und gedacht haben, hinterlässt in unserem Geist eine Spur. Sie sind wie ins Wasser geworfene Steine, die Wellen erzeugen, welche irgend einmal zu uns zurückkommen. Die Gesamtsumme all dieser Eindrücke in unserem Geist und der zurückgeworfenen Wellen, entscheiden über die Lebenssituationen, denen wir im Laufe unserer Weiterentwicklung begegnen. Das Reinkarnationsverständnis, und damit die unterschiedlichen freud- und leidvollen Erfahrungen die das Lebewesen in verschiedenen Körpern sammelt, werden in dieser Weise als Elemente der Lebensschulung verstanden.

Im Buch des chassidischen Rabbiners Yonassan Gershom findet eine jüdischen Frau, die sich an ihr letztes Leben – ihren Selbstmord als Jüdin im Hitlerdeutschland – zu erinnern glaubt, für diese Lebensschule folgende Worte: "Durch diese Sicht der Dinge fühlte ich mich sehr erleichtert. Tatsächlich hat sich mein Leben sei unserem Gespräch (mit Rabbi Yonassan Gershom, Anmerk. d. Verf.), gebessert. Die harten Erfahrungen, die ich hatte machen müssen, verdüstern mein Dasein nicht mehr mit Trauer und Schmerz. Statt dessen haben sie sich im Lauf der Jahre zu Erkenntnis, Toleranz und Verständnis – und hie und da ein bisschen Weisheit – verwandelt." (in Kehren die Opfer des Holocaust wieder?, Verlag am Goetheanum, Dornach 1997)

Die endlose Wanderung von Körper zu Körper im Kreislauf der Wiedergeburt wird samsara genannt. Solange das Lebewesen sich mit dem Körper gleichsetzt und sein Tun und Denken auf diese Überzeugung abstützt, ohne sein spirituelles Selbst zu erkennen, bleibt es in diesem Geburtenkreislauf gefangen. Das Ziel der vedischen Wiedergeburtslehre liegt deshalb darin, aus diesem Geburtenkreislauf (samsara) heraus zu finden und Befreiung (mukti) zu erlangen. Die Ebene der mukti erlangt zu haben bedeutet, sich seiner inneren spirituellen Wirklichkeit bewusst zu sein. Der Yogi mag sich zwar immer noch in der Welt von Raum und Zeit befinden und von den Gesetzen, die dort herrschen, berührt werden. Doch weil er sich der transzendentalen Wirklichkeit völlig bewusst ist und sie als Urgrund in allem erkennt, was ihn umgibt, ist er nicht mehr länger an das samsara gebunden. Der Jnani-Yogi, der mukti erlangt, fühlt sich am Ende seiner Ziele angelangt. Er ist voller Erkenntnis über sein spirituelles Sein und erfährt die Freude der Einheit mit dem alles durchdringenden, formlosen, allem innewohnenden göttlichen Prinzip – dem brahman.

Der Bhakti-yogi erfährt die Stufe der mukti anders. Seine Sehnsucht liegt darin, mit dem Ursprung aller Existenz und aller Liebe eine liebevolle Beziehung leben zu können. Auf der Stufe der mukti hat er nun eine Ebene erlangt, auf der seine Widmung, seine liebevolle Hingabe völlig rein ist. Deshalb ist für den Bhakti-Yogi bereits der Weg das Ziel: er versucht einfach auf jeder Stufe sich liebevoll dem Schöpfer, der Schöpfung und den Geschöpfen zu widmen – ganz unabhängig davon, ob er sich immer noch im samsara befindet oder bereits die Stufe der mukti erlangt hat.



 
renate.kaderli (K-Affe) ourswiss (Punkt) ch
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü